Overload, Meltdown & Shutdown

Overload, Meltdown & Shutdown

Begriffe erklärt

Alle Eltern von Kindern mit autistischer Wahrnehmung kennen diese Situationen: die Kinder schreien, toben, schlagen, weinen, laufen weg, verletzen sich selbst etc. und wir wissen nicht warum. Dabei handelt es sich um drei Reaktionsmöglichkeiten auf ihre Umgebung, die Menschen mit Autismus auf eine eigene, sehr intensive Art und Weise wahrnehmen.

Eine Besonderheit der autistischen Wahrnehmung ist das ineffiziente Filtersystem im Gehirn. Der Thalamus, ein Teil in unserem Gehirn, ist dafür verantwortlich, dass nur für die Situation wichtige Informationen in unser Bewusstsein gelangen. Während ein neurotypisches Gehirn, unwichtige Informationen (sog. Reize) ausfiltert, strömen in das Gehirn eines Menschen mit autistischer Wahrnehmung alle Informationen ungefiltert als gleich bedeutsam ein. Beispiel: Während Sie diese Zeilen lesen, passiert ganz viel um Sie herum: die Kinder spielen und lachen, das Radio läuft, nebenan wird staubgesaugt, der Ventilator bläst und es ist ziemlich warm im Raum. Zu Mittag gab es Fisch, den man noch in der ganzen Wohnung riechen kann etc. All diese Informationen sind aber momentan unwichtig, weil Sie sich auf das Lesen konzentrieren. Ihr Gehirn filtert diese Informationen einfach aus. Menschen mit autistischer Wahrnehmung können das nicht oder nur unzulänglich. Sind nun zu viele Reize auf einmal zugegen, können diese nicht mehr einzeln wahrgenommen werden. Alle Reize strömen dann in gleicher Intensität auf den Menschen ein – ein sensorisches Chaos bricht aus. Man spricht von einem sensorischen Overload (dt. Überlastung der Sinne).

Ein Overload ist eine Reizüberflutung des Wahrnehmungssystems. Zu viele Außenreize strömen auf den Betroffenen ein und lösen ein sensorisches Chaos aus.

Wenn es nun keine Möglichkeit gibt, diesem Overload zu entkommen, überschreitet die sensorische Überforderung die Belastungsgrenze und die Person erleidet einen sensorischen Zusammenbruch. Diese Zusammenbrüche werden als Meltdown bezeichnet. Sie sind das Ergebnis von Reizüberflutung und Verzweiflung. Sie geschehen nicht willentlich und sind nicht steuerbar. Die Anzeichen sind individuell verschieden und umfassen Verhalten wie Schreien, Toben, Weinen, Um-sich-Schlagen, selbstverletzendes Verhalten, Kratzen, Beißen, Weglaufen und vieles mehr.

Ein Meltdown ist ein Zusammenbruch aufgrund einer Reizüberflutung. Er kann von den Betroffenen nicht kontrolliert werden.

Er ist als Kommunikation zu sehen. Der Betroffene sagt Ihnen damit, dass die Situation unerträglich ist.

Da helfen dann kein Gutzureden und Beruhigen, keine Bestechungsversuche mit Süßigkeiten oder Versprechungen. Das einzig sinnvolle während eines Meltdowns ist, den Betroffenen an einen ruhigen und reizarmen Ort zu bringen und ihn vor Selbstverletzung zu schützen bis der Meltdown wieder vorüber ist.

Es ist äußerst wichtig, zu erwähnen, dass es sich dabei um keinen Wutanfall handelt. Wutanfälle setzen eine Absicht voraus und können bei Erreichen des Ziels sofort unterbrochen werden. Bei einem Meltdown handelt es sich um einen sehr schmerzlichen Kontrollverlust. Es ist ganz besonders wichtig, dieses Verhalten richtig zu deuten und nicht als Wutanfall zu missinterpretieren. Es handelt sich dabei um Panikreaktionen.

Wutanfälle verfolgen eine Absicht und sind kontrollierbar.

Sensorische Zusammenbrüche (Meltdowns) hingegen sind unfreiwillig und nicht steuerbar.

Auf einen Meltdown folgt häufig ein Shutdown (dt. Abschalten). Manchmal wird auch der Meltdown übersprungen und der Betroffenen reagiert auf die Reizüberflutung direkt mit einem Shutdown. Shutdown bedeutet, den Rückzug in sich selbst und das Ausblenden der Umgebungsreize. Die Betroffenen sind dann kaum ansprechbar und reagieren nicht auf ihre Umwelt. Sie schützen sich, indem sie alles ausblenden. Häufig zu beobachten sind Kinder im Kindergarten oder in der Schule, die nicht auf Ansprache reagieren. Ihnen ist ihre Umgebung zu intensiv, sie „schalten sich ab“. Wir machen dann den Fehler, anzunehmen, dass das Kind uns nicht hört und wir lauter sprechen müssen oder das Kind sogar an der Schulter fassen, um seine Aufmerksamkeit zu erlangen. Umso lauter wir werden, umso intensiver werden die Reize und umso mehr zieht sich das Kind zurück.

Ein Shutdown bedeutet den Rückzug in sich selbst und das Ausblenden der Umgebungsreize. Die Betroffenen reagieren nicht auf ihre Umwelt. Der Shutdown ist eine Reaktion auf Reizüberflutung.

Was kann man gegen Reizüberflutung tun?

  • Logischerweise sind reizarme Umgebungen das Sinnvollste. Dies ist aber nicht immer möglich.
  • Struktur und Ordnung im Tagesablauf, der Umgebung und der Verhaltensweisen der Mitmenschen geben Sicherheit. Vorhersehbarkeit verringert Stress.
  • Menschen mit autistischer Wahrnehmung verwenden Stereotypien wie Summen, Wippen, Sortieren oder Drehen von Gegenständen, um sich selbst zu beruhigen. Man spricht hier von Stimming. Versuchen Sie nicht, dies zu unterbinden, sondern gewähren Sie diesen Selbsthilfemechanismus.
  • Teilhabe: Lassen Sie das Kind wissen, dass Sie um seine Wahrnehmungsbesonderheiten wissen und dass Sie sich alle Mühe geben, für und mit ihm Lösungen zu finden, die jeweilige Umgebung oder Situation erträglich und nicht belastend zu gestalten. Erklären und zeigen Sie, dass Sie Ihr Bestes geben, es aber auch mal danebengehen kann. Sprechen Sie miteinander. Viele Menschen mit autistischer Wahrnehmung machen den Eindruck, als würden sie nicht zuhören oder verstünden nicht. Lassen Sie sich davon nicht täuschen.
  • Schützende Utensilien: Verwenden Sie Sonnenbrillen gegen helles Licht, Gehörschutz gegen Lärm und Druck zur Stabilisierung.
  • Aufmerksamkeit: Gehen Sie nicht von Ihrer eigenen neurotypischen Wahrnehmung aus. Auch wenn Sie die sensorische Belastung nicht spüren können, besteht Sie für den Betroffenen zweifelsohne trotzdem.
  • Vorwarnen: Wenn es für Sie absehbar ist, dass im nächsten Augenblick oder den nächsten Minuten z.B. eine Veränderung eintreten oder ein Lärm ertönen wird, dann warnen Sie vor: „Achtung, ich schalte jetzt den Staubsauger ein“. Der Betroffene hat dann die Möglichkeit, sich auf die akustische Herausforderung einzustellen.

Ist ein Meltdown einmal ausgebrochen, bringen Sie die Person unverzüglich (!) aus der belastenden Situation in eine reizarme Umgebung. Vermeiden Sie dabei auf ihn einzureden oder ihn unnötig zu berühren. Alles das sind nur weitere überfordernde Reize, die es in dieser Situation zu vermeiden gilt. Ein einfacher klarer Satz wie „Komm mit, ich bring Dich in einen ruhigen Raum“, reicht oft als Information aus. Versuchen Sie nicht, das Beenden der Situation hinauszuzögern.

sensorisch – die Sinne betreffend

Overload – Überlastung

Metldown – Zusammenbruch

Shutdown – Abschalten

2 Kommentare

  1. Wie erkläre ich Leuten, dass genau diese eine Anfrage gerade der Reiz zu viel war, ichh kurz innerlich explodiere, und jedes drauf einreden es potentiell noch schlimmer macht, dann wirklich eine Tür knallt, Fluchtreflex.

  2. Hallo, ich denke, da kannst du nicht viel erklären, denn in diesem Moment bist du sicher nicht in der Verfassung etwas zu erklären. Eine Idee wäre eventuell, einfach sagen, dass du kurz raus musst, weil du dich gerade schlecht fühlst. Sag dir wird gerade übel, dann wird dich niemand am Verlassen der Situation hindern. Erklärungen kannst du später einmal abliefern, wenn die Situation gerade passt und es dir gut geht.

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