Was ist Dyspraxie?
Dyspraxie ist eine Störung in der Entwicklung der motorischen Koordination. Sie betrifft die Art und Weise, wie Bewegungen geplant und ausgeführt werden.
Kinder mit Dyspraxie wissen, was sie tun möchten, haben aber Schwierigkeiten, ihren Körper so zu steuern, dass es klappt.
Typische Anzeichen sind:
- Unsicherer Gang, schlechte Balance oder ungeschickte Bewegungen
- Probleme mit feinmotorischen Aufgaben (z. B. Schreiben, Besteck benutzen, Schleifen binden)
- Schwierigkeiten, Bewegungen in der richtigen Reihenfolge auszuführen
- Verzögerte Sprachentwicklung oder undeutliche Aussprache
- Probleme, neue Bewegungen zu lernen
Obwohl die Kinder körperlich gesund sind, wirken sie ungelenk, haben Schwierigkeiten einen Ball zu fangen oder zu werfen, sie stolpern oft, stoßen Gegenstände um und noch vieles mehr.
Dyspraxie und Autismus – wie hängen sie zusammen?
Kinder im Autismus-Spektrum haben häufig zusätzlich Dyspraxie.
Warum ist das so?
Sowohl bei Autismus als auch bei Dyspraxie gibt es Unterschiede in der Gehirnentwicklung und der Sinnesverarbeitung.
Das Gehirn entwickelt als allererstes die Wahrnehmung, danach die Grobmotorik und perfektioniert diese Entwicklung zum Schluss mit Feinmotorik. Diese Entwicklungen laufen auch parallel und überlappen sich. Trotzdem ist diese Reihenfolge wichtig, weil jeder Schritt auf dem vorherigen aufbaut – wie bei einem Haus: Erst kommt das Fundament, dann die Wände, dann das Dach.
Entwicklungsschritte des Gehirns – sehr vereinfacht
Wahrnehmung / Sinne
Schon Babys nehmen über sehen, hören, fühlen, riechen, schmecken Reize auf. Dazu gehört auch das vestibuläre System (Gleichgewicht) und die Körperwahrnehmung. Sind diese Sinne verändert, was typisch bei Autismus ist, kann sich das negativ auf die Hirnentwicklung auswirken. Das Gehirn entwickelt sich hauptsächlich aufgrund dieser Wahrnehmungen. Sind diese verändert, läuft auch die Entwicklung anders.
Wahrnehmung ist also die Grundlage.
Grobmotorik
Auf der Wahrnehmung baut die Grobmotorik auf: Kopf halten, rollen, krabbeln, laufen, springen, klettern.
Beispiel: Ist dem Kind das Verlagern des eigenen Gewichts auf die Hände und die Knie oder die Berührung des Bodens unangenehm, wird es vermeiden zu krabbeln. Es entsteht ein motorisches Defizit.
Ohne gute Wahrnehmung gibt es Unsicherheit in der Grobmotorik.
Feinmotorik
Feinmotorik baut immer auf der Grobmotorik auf.
Beispiele: Ein Kind kann nicht gut schreiben lernen, wenn es noch nicht stabil sitzen oder seinen Arm kontrollieren kann. Das Essen mit Messer und Gabel endet in einem unappetitlichen Desaster. Zähneputzen und Kämmen ist ein Problem, weil die Hand „nicht weiß“ in welche Richtung sie muss.
Feinmotorik entwickelt sich zuletzt und setzt gut entwickelte Grobmotorik + Wahrnehmung voraus.
Wie erkennt man Dyspraxie bei autistischen Kindern?
Frühe Hinweise können sein:
- Verzögerungen beim Krabbeln, Sitzen oder Laufen
- Vermeidungsverhalten und Widerstand gegen neue Situationen
- stereotypes Verhalten
- Abneigung gegen körperliche Herausforderung wie Klettern oder Balancieren
- setzen sich vorzugsweise vor den Fernseher oder Computer anstatt sich zu bewegen
- Schwierigkeiten beim Malen, Basteln oder dem Benutzen von Essbesteck
- Unsicherheit bei Bewegungsabläufen oder beim Folgen von Anweisungen
- Oft wirken diese Kinder ungeschickt oder haben keine Freude an Bewegungsspielen
Welche Probleme entstehen im Alltag?
Kinder mit Autismus und Dyspraxie stehen im Alltag vor sehr vielen Herausforderungen. Einerseits sind sie autistisch und andererseits haben sie Koordinationsdefizite. Sie haben beispielsweise
- Schwierigkeiten bei Alltagsaufgaben wie Anziehen, Schuhe binden oder Essen mit Besteck
- Probleme beim Sprechen (z. B. Laute bilden oder Wörter zusammensetzen)
- Unsicherheit beim Spielen mit anderen Kindern → dadurch laufen sie Gefahr ausgegrenzt und gehänselt zu werden → Mobbing
- Frustration und geringes Selbstbewusstsein, weil sie an scheinbar einfachen Aufgaben scheitern
- Schwierigkeiten die Kommunikation und Gefühle der anderen Kinder zu verstehen.
- Stress und Überforderung durch zu viele Reize wie Lärm, Bewegung, Gerüche etc.
Was hilft Kindern mit Dyspraxie?
Zum Glück ist das Gehirn ein plastisches Organ, das heißt es ist veränderbar und kann immer dazu lernen. Daher ist es möglich, spielerisch und therapeutisch (da sollte eigentlich gar kein großer Unterschied sein) Defizite der Hirnentwicklung gezielt nachzuholen.
Hilfreiche Maßnahmen – von Alltagstipps bis Therapie
(die Reihenfolge der Nennung ist ohne Bedeutung und sagt nichts über die Wirksamkeit aus)
Wahrnehmungsförderung: Wahrnehmen kann gelernt werden. Wahrnehmungsförderung bedeutet, Kindern durch gezielte Sinnesreize (sehen, hören, fühlen, riechen, schmecken, Gleichgewicht) dabei zu helfen, ihre Umwelt besser wahrzunehmen.
Ergotherapie: Spielerisches Training für grob- und feinmotorische Fähigkeiten.
Übungen zur Reflexintegration: Bestimmte Bewegungsübungen helfen, alte Baby-Reflexe abzubauen und die Steuerung des Körpers zu verbessern.
Vestibuläre Stimulation: Schaukeln, Klettern, Rollen oder Balancieren stärken das Gleichgewichtssystem. Man nennt das auch Sensorische Integrationstherapie.
Logopädie: Unterstützung bei Sprech- und Sprachproblemen.
Hilfsmittel: Stifte mit Griff, spezielle Scheren oder beschwerte Stifte erleichtern den Alltag.
Anpassungen in der Schule: Mehr Zeit für Aufgaben, visuelle Hilfen, Bewegungspausen.
Üben (!): Lustige Aktivitäten wie Hindernisparcours, Balancespiele oder Tierbewegungen (Bärengang) fördern spielerisch die Entwicklung. Viel Bewegung!
Wenn Eltern und Fachleute Dyspraxie im Zusammenhang mit Autismus verstehen, können sie gezielter helfen, weil sie an der Ursache anstatt am Symptom ansetzen.
Susanne Strasser
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