Viele Menschen, sowohl Kinder als auch Erwachsene, die im Autismus-Spektrum leben, sind oft laut. Sie machen Geräusche mit ihrer Stimme oder nutzen Gegenstände, um Lärm zu erzeugen. Für die Umgebung kann das störend wirken. Aber warum sind viele Menschen im Autismus-Spektrum so laut? Die Erklärung ist eigentlich ganz einfach und nachvollziehbar:
Das Gehör oder auditive System empfängt Geräuschinformationen durch das Ohr. Wir nehmen Lautstärken, Frequenzen und Rhythmen wahr und integrieren diese Informationen zu einem sinnvollen Gesamtbild, auf das wir entsprechend reagieren können. Besonders relevant in diesem Kontext ist die Diskriminationsfähigkeit, also die Fähigkeit, verschiedene Geräuschquellen zu unterscheiden. Des Weiteren besitzen wir die Fähigkeit des Richtungshörens, welche es uns ermöglicht, die Richtung, aus der ein Geräusch kommt, zu erkennen. Zudem verfügen wir über die Fähigkeit des Entfernungshörens, womit wir abschätzen können, wie weit eine Schallquelle von uns entfernt ist.
Filterschwäche
Menschen mit einer Filterschwäche im auditiven System haben Schwierigkeiten, klare Unterscheidungen zwischen verschiedenen Geräuschquellen zu treffen. Während eine Person mit einer intakten Filterfunktion in der Lage ist, alle Reize, die im Moment nicht benötigt werden, zu filtern oder auszublenden, strömen auf Menschen mit Filterschwäche alle Reize mit gleicher Intensität und Bedeutung auf ihr Wahrnehmungssystem ein. Die Konzentration auf ein Gespräch oder eine Tätigkeit gestaltet sich daher oft schwierig, da Hintergrundgeräusche nicht ausgeblendet werden können.
Frequenzen
Manche Menschen im Autismus-Spektrum sind überempfindlich gegenüber bestimmten Frequenzen. Dabei handelt es sich um Frequenzen, die von anderen oft gar nicht wahrgenommen werden, was bei der Umwelt dann zumeist auf Verwirrung und Unverständnis stößt.
Misophonie
Andere Geräusche hingegen werden als extrem unerträglich wahrgenommen. Obwohl sie von allen gehört werden können, scheinen sie für die Betroffenen besonders belastend zu sein. Das wird als Misophonie bezeichnet.
Lautstärke
Geräusche und Töne können auch als unerträglich laut und intensiv wahrgenommen und das Hören als unangenehm oder gar als Schmerz empfunden werden.
Eigengeräusche
Das Wahrnehmen der Eigengeräusche aus dem Körperinneren, wie das Rauschen des Blutes, das Pochen des Herzens oder Geräusche der Verdauungstätigkeit oder der Atmung, ist eine weitere Auffälligkeit der auditiven Wahrnehmung.
Bewältigungsstrategien
Andere schützen sich vor auditiver Reizüberflutung, indem sie ihr Hören sozusagen abschalten und allen Lärm einfach aussperren. Die Ohren werden sozusagen im Sinne der Redewendung „auf Durchzug gestellt“. Diese Personen werden dann oft fälschlicherweise für taub gehalten, obwohl eigentlich genau das Gegenteil der Fall ist. Man nennt diesen Mechanismus auch selektive Taubheit. Selbstverständlich ist es wichtig, beim Facharzt einen Gehörschaden auszuschließen. Diese vermeintliche Taubheit ist auch ein typisches Anzeichen eines Shutdows.
Geräuschempfindlichkeiten unterliegen oft Schwankungen und können sich von Tag zu Tag ändern. So können an einem Tag laute Geräusche und am anderen Tag leise Geräusche bevorzugt werden. Das macht das Erkennen und die Rücksichtnahme natürlich besonders schwierig.
Manchmal werden unangenehme Geräusche auch bewusst in Kauf genommen, um nicht negativ aufzufallen. Die Konsequenz ist eine extreme Erschöpfung, die früher oder später negative Auswirkungen haben kann.
Carl Delacato beschrieb dies bereits 1985 in seinem Buch ´Der unheimliche Fremdling`: „Jerry hatte sein ganzes bisheriges Leben in ständiger Angst vor lauten Geräuschen gelebt. Laute Töne oder Krach brachten ihn, wenn sie von anderen produziert wurden, in eine Art Erregungszustand, in angsterfüllte Hysterie. Seine Methode, diese unvorhersehbaren Bedrohungen zu überstehen, bestand darin, sich für Töne aus der Umwelt taub, also völlig unempfindlich zu machen. Dafür produzierte er seine eigenen Geräuschserien.“
Text teilweise entnommen aus „Die besondere Wahrnehmung von Menschen im Autismus-Spektrum“ von Susanne Strasser
ORCID iD: 0009-0005-5156-9680


Guten Tag Frau Strasser
Ich habe mich sehr gefreut über Ihren ausgezeichneten Artikel. Ich habe sehr viele Gemeinsamkeiten zum visuellen System gefunden. Was letztlich allerdings nicht überrascht. Beim Verwenden der Irlen Spektralfilter kommen immer wieder Rückmeldungen wie „Seit ich die Spektralfilter trage, kann ich besser zuhören“.
Ich wünsche Ihnen alles Gute und grüsse Sie herzlich.
Fritz Steiner