Barrierefreiheit im öffentlichen Raum und Autismus – einfach erklärt

Beim Begriff der Barrierefreiheit im öffentlichen Raum denken viele an bekannte Maßnahmen wie Rollstuhlrampen oder Behinderten-Toiletten.

Doch Barrierefreiheit ist wesentlich mehr.

Die gesetzliche Definition von Barrierefreiheit lautet:

Barrierefrei sind bauliche und sonstige Anlagen, Verkehrsmittel, technische Gebrauchsgegenstände, Systeme der Informationsverarbeitung sowie andere gestaltete Lebensbereiche, wenn sie für Menschen mit Behinderungen in der allgemein üblichen Weise, ohne besondere Erschwernis und grundsätzlich ohne fremde Hilfe zugänglich und nutzbar sind (Legaldefinition in § 6 Abs. 5 Bundes-Behindertengleichstellungsgesetz).

Behinderung wird im gleichen Gesetz in § 3 als Auswirkung einer nicht nur vorübergehenden körperlichen, geistigen oder psychischen Funktionsbeeinträchtigung oder Beeinträchtigung der Sinnesfunktionen, welche die Teilhabe am Leben in der Gesellschaft erschweren, definiert.

Kurz zusammengefasst: Barrierefrei bedeutet Rahmenbedingungen zu schaffen, sodass ALLE Menschen teilhaben können.

Was bedeutet Barrierefreiheit im Zusammenhang mit Autismus?

Die meisten Menschen im Autismus Spektrum (kurz AS) haben eine besondere Wahrnehmung, welche durchaus zu den „Beeinträchtigungen der Sinnesfunktionen“ (siehe Gesetzestext) gezählt werden kann. Viele Menschen im AS weisen auch eine „geistige Funktionsbeeinträchtigung“ (siehe Gesetzestext) auf.

Ausführliche Informationen über die besondere Wahrnehmung und die Möglichkeiten der barrierefreien Gestaltung und der damit verbundenen Verbesserung der Lebensqualität finden Sie im Buch „Wahrnehmungsbesonderheiten von Menschen mit Autismus“ von Susanne Strasser.

Um die gleichberechtigte Teilhabe für Menschen im AS am Leben in der Gesellschaft und im öffentlichen Raum zu erleichtern oder überhaupt erst zu ermöglichen, müssen für sie unüberwindbare Barrieren beseitigt werden.

Es benötigt in erster Linie Maßnahmen hinsichtlich der besonderen Wahrnehmung und der Kommunikation. Sind diese Maßnahme erfolgreich getroffen, haben Autisten die Möglichkeit ihr volles Potenzial zu entfalten. Erst dann ist lernen, arbeiten und dabeisein möglich.

Jetzt ist es relativ einfach, für einen Rollstuhlfahrer eine Rampe zu errichten, den alle Rollstuhlfahrer benutzen können. Bei Autismus ist das deutlich schwieriger, weil sich Menschen im AS sehr unterscheiden, was die Art und Weise der benötigten Unterstützung anbelangt.

Dennoch können einige allgemeingültige Maßnahmen den Alltag von Menschen im AS erleichtern. Und selbstverständlich können auch neurotypische Menschen davon profitieren.

Barrierefrei bei Autismus bedeutet vor allem:

  • reizarm
  • strukturiert
  • vorhersehbar
  • sinnvolle Kommunikationshilfen
  • sicher

Während der häusliche Bereich mit relativ geringem Aufwand reizarm gestaltet werden kann, wird es im öffentlichen Raum schwierig. Wohn- und auch Arbeitsbereiche können schnell mit schalldämmenden Maßnahmen oder mit Blendschutz ausgestattet werden. Intensive Gerüche können gemieden werden und taktile Überreizung verhindert werden.

Im öffentlichen Bereich, wo viele Menschen aufeinandertreffen, ist eine Reizüberflutung vorprogrammiert. Die autistische Person selbst kann sich durch geeignete Maßnahmen wie Gehörschutz oder dunkle Sonnenbrille schützen. Die reizarme Gestaltung öffentlichen Raumes ist aber nicht umsetzbar.

Die Beseitigung einer Barriere muss nicht nur rechtlich möglich, sondern auch zumutbar sein. Es ist z.B. nicht zumutbar, dass im Supermarkt die Lichter gedimmt werden, damit sie Menschen im AS nicht überfordern. Ebenso wenig kann man von anderen Menschen im Supermarkt erwarten, dass sie leise sind und Abstand halten. Die Einführung der „Stillen Stunde“ in manchen Supermärkten ist da ein hervorragender Schritt in die richtige Richtung, um für Menschen im AS eine bestmögliche Barrierefreiheit zu schaffen.

Allerdings wäre es durchaus denkbar, auch im öffentlichen Raum reizarme Rückzugsmöglichkeiten zu schaffen. Wenn Raucher über eigene Bereiche verfügen, kann es doch kein Problem darstellen, auch Menschen im AS einen ruhigen Bereich zur Verfügung zu stellen.

Anmerkung: In Österreich besteht die Möglichkeit für Menschen im Autismus Spektrum, die einen Behindertenausweis besitzen, den Eintrag „Unzumutbarkeit der Benützung öffentlicher Verkehrsmittel“ zu beantragen. Mit diesem Eintrag erhalten sie dann einen Ausweis für das Parken auf Behindertenparkplätzen.

Etwas anders sieht es bei der Strukturierung des öffentlichen Raumes aus. Eine gute Beschilderung (in Sprache und Bild) kann Menschen im AS eine große Hilfe sein. Pläne und Kalender, klare Regeln, Ordnung und Kontinuität sind Maßnahmen, die den öffentlichen Raum für alle Menschen besser nutzbar machen.

Die Vorhersehbarkeit kann ebenfalls durch Pläne, Kalender und Regeln hergestellt werden. Anders verhält es sich mit der Vorhersehbarkeit unerwarteter Ereignisse. So kann der plötzlich bellende Hund oder das unerwartet schreiende Baby nicht verhindert werden.

Ein großes Feld an Möglichkeiten bietet die Kommunikation. Die autistische Kommunikation weist einige Besonderheiten auf. Viele glauben, die einzige Besonderheit läge darin, dass viele Menschen im AS nicht sprechen oder zu viel sprechen. Die echten Herausforderungen der Kommunikation bestehen aber in der Tatsache, dass Mimik oft nicht verstanden und Sprache wortwörtlich verstanden wird.

Aufgrund dieser Besonderheiten der autistischen Kommunikation kann das Verfassen von Texten in Leichter Sprache und Bild in Bereichen, in denen Barrierefreiheit gegeben sein sollte, eine sinnvolle Lösung sein. Texte in Leichter Sprache werden in klaren Sätzen ohne Redewendungen verfasst. Falls eine Redewendung unumgänglich ist, wird sie in Leichter Sprache erklärt. Vielen Menschen im AS fühlen sich unterschätzt, wenn man ihnen Texte in Leichter Sprache anbietet. Ihre durchaus hohe Intelligenz ermöglicht ihnen das Studieren schwieriger Fachliteratur. Dennoch bleiben oft Verständnislücken und Missverständnisse, wenn es um das Verstehen einfacher ironischer Äußerungen und Redewendungen geht. Dies kann durch den situationsbedingt eingesetzten Gebrauch von Leichter Sprache verhindert werden. Der Einsatz von Beschilderungen und Anleitungen in Leichter Sprache ist ein wichtiger Schritt, um einen öffentlichen Raum barrierefrei zu gestalten.

Durch diese einfach umsetzbaren Maßnahmen wird der öffentliche Raum nicht nur barrierefrei(er), sondern auch sicher. Eine eindeutige und einfache Beschilderung hilft Gefahren zu erkennen und kann gefährliche Missverständnisse verhindern.

Es wird nie möglich sein, den Bedürfnissen aller Menschen gerecht zu werden. Immer wieder wird es Menschen geben, die sich (zurecht) benachteiligt fühlen. Doch mit Verständnis, Akzeptanz und Interesse auf allen Seiten kann es möglich sein, eine für jeden lebenswerte und zugängliche Lebensumwelt zu schaffen.

 

 

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