Wenn jede Hilfe falsch ist – was bleibt dann?

Warum es so schwer ist, sich für Menschen im Autismus-Spektrum stark zu machen

Sich für Menschen mit besonderen Bedarfen einzusetzen, zum Beispiel für Menschen im Autismus-Spektrum, ist ein Anliegen, das viele neurotypische Menschen bewegt. Aber wer sich wirklich engagiert, merkt schnell: Es ist kompliziert.

Manchmal hat man das Gefühl, man kann es gar nicht richtig machen. Aus Sicht der Betroffenen scheint fast alles, was man tut, falsch oder nicht genug zu sein.

Und das hat Gründe.

Es gibt drei typische Widersprüche, in denen man leicht landet

Man soll helfen, soll aber nicht für andere sprechen.  

Es geht darum, zu unterstützen, aber ohne Betroffene zu „übergehen“ oder ihre Stimme zu ersetzen. Doch wie spricht man über Probleme, ohne dabei für andere zu sprechen?

Beispiel:

Du bist keine Autistin, aber setzt dich auf SocialMedia für mehr Barrierefreiheit ein. Du schreibst darüber, was Menschen im Autismus-Spektrum brauchen.

Die Reaktionen darauf sind, dass einige Autist*innen sich darüber empören, dass du als neurotypischer Mensch nicht wissen kannst, was sie brauchen. Und außerdem brauchen ja nicht alle das Gleiche.

Was ist das Problem?

Du willst unterstützen, aber deine Worte klingen für Betroffene so, als wüsstest du es besser. Als wüsstest du als neurotypischer Mensch, was Autisten brauchen.

Man soll Vielfalt anerkennen, aber niemanden zur „anderen Person“ machen.

Wenn man Unterschiede sichtbar macht, kann das schnell so wirken, als würde man Menschen ausgrenzen obwohl man sie doch gerade einschließen will.

Beispiel:

Du verfasst einen Beitrag auf SocialMedia über die Besonderheiten von Menschen im Autismus-Spektrum. Du schreibst darüber, dass sie „anders“ aber keineswegs „falsch“ sind. Ganz im Gegenteil, betonst, dass sie außergewöhnliche Talente und Charaktereigenschaften haben.

Die Reaktionen einiger Leser sind: „Warum nennst du uns besonders oder anders? Wir sind alle gleich.“

Was ist das Problem?

Du meinst es positiv, aber du machst Menschen unabsichtlich zu Außenseitern, weil du ihre „Andersartigkeit“ hervorhebst.

Man soll sich engagieren, ohne überheblich oder bevormundend zu wirken.

Engagement kann wie „von oben herab“ wirken, wenn es nicht gut abgestimmt ist und das will man auf keinen Fall.

Beispiel:

Du schreibst einen emotionalen Beitrag auf SocialMedia: „Ich denke, ich habe verstanden, wie schwer das Leben für Autist*innen wirklich sein kann. Ich wünsche mir, dass wir ihnen endlich eine Stimme geben.“

Die Reaktion einiger Betroffener lautet: „Danke für deinen Einsatz, aber du stellst uns gerade wieder als hilflos dar. Wir haben unsere eigenen Stimmen und müssen nicht gerettet werden.“

Was ist das Problem?

Du hast echtes Mitgefühl und möchtest solidarisch sein, aber dein Tonfall wirkt bevormundend, fast heldenhaft („Ich helfe den Armen“).

Es ist zum Verzweifeln, oder?

Ja manchmal schon. Zumindest ist es eine echte Herausforderung. Und man hat nicht immer die Nerven und die Geduld, sich jeder Herausforderung zu stellen. 

Es gibt keine perfekte Lösung für alle, weil Menschen verschieden sind – und das ist gut so!

Was stattdessen helfen kann

Anstatt jede gute Absicht gleich kritisch zu hinterfragen, wäre vielleicht eine andere Haltung hilfreicher:

-> Anerkennen, dass sich jemand Mühe gibt.
-> Verstehen, dass es nicht möglich ist, immer alles richtig zu machen.
-> Und gemeinsam daran arbeiten, dass es besser wird – Schritt für Schritt, mit Rücksicht, Respekt und Offenheit.

Denn echte Veränderung passiert nicht, wenn wir Angst davor haben müssen, Fehler zu machen. Sie passiert, wenn wir trotz der Unsicherheiten dranbleiben und einander akzeptieren und respektieren so wie wir sind. Wir müssen nicht alles sofort kommentieren und korrigieren. Manches kann einfach so stehen bleiben, weil es nicht mit böser Absicht entstanden ist.

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