Wen stört die Störung?

Viele Menschen empören sich über den Begriff „Störung“ in der Diagnose „Autismus-Spektrum-Störung“. Warum eigentlich? Viele meinen, dass man Betroffene dadurch als „gestört“ wahrnimmt. Einem umgangssprachlichen Ausdruck für „dumm“ oder „nicht richtig“.

Doch ist es das wirklich? Vielleicht kann man den Begriff auch anders lesen. Vielleicht beschreibt die Diagnose nicht die Person als „gestört“, sondern den Verlauf eines Lebens einer Person und einer Familie, das anders verläuft als erwartet. Die Diagnose hat den angestrebten Lebenslauf der Person und ihrer Familie „gestört“. Etwas wird unterbrochen, verschoben oder anders gemacht.

Ich frage mich daher, ob „Störung“ zwangsläufig negativ gelesen werden muss. Eine Störung bedeutet lediglich eine Abweichung von einem erwarteten Ablauf. Sie bedeutet nicht wertlos, kaputt oder minderwertig. Sie beschreibt lediglich, dass etwas nicht so funktioniert wie ursprünglich gedacht.

Eine Störung zeigt, dass etwas irritiert und damit Aufmerksamkeit erzeugt. Sie unterbricht Routinen und zwingt zum Nachdenken. Das mag die Denkweise mancher Menschen ins Wanken bringen, was durchaus wichtig sein kann, weil es neue Perspektiven aufzeigt. Durch eine Störung müssen neue Wege gedacht werden.

Die Frage ist daher immer: Wer oder was wird hier eigentlich gestört?

Ist es die Person? Oder sind es die Erwartungen, Vorstellungen und festen Bilder davon, wie ein Leben zu verlaufen hat?

Und ist eine Störung negativ zu betrachten oder kann sie auch willkommen sein? Es ist also nicht das Wort „Störung“, sondern unsere Bewertung dieses Wortes. Darüber lohnt es sich nachzudenken, bevor wir uns über ein einziges kleines Wort empören.

 

Susanne Strasser (ORCID iD: 0009-0005-5156-9680)

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