Schmerzen bei Menschen im Autismus-Spektrum mit kognitiver Behinderung erkennen

Schmerzen bei Menschen im Autismus-Spektrum mit kognitiver Behinderung erkennen: Eine Anleitung zur Fremdbeobachtung

Viele Eltern oder Bezugspersonen sowie auch medizinisches Fachpersonal kennen dieses Problem. Dem Kind, der Person, mit der man arbeitet oder dem Patienten oder der Patientin geht es nicht gut. Wahrscheinlich hat sie Schmerzen. Aber wo tut es weh? Und um welche Art von Schmerz handelt es sich? Wie stark ist der Schmerz? All das können viele Menschen im Autismus-Spektrum mit kognitiver Behinderung nicht kommunizieren. Dann steht man vor einer Herausforderung, die es unbedingt zu bewältigen gilt, um den Betroffenen helfen zu können.

Zu diesem Zweck wurde Fremdbeobachtungsinstrumente entwickelt. Sie helfen, typische Verhaltensweisen von Menschen mit Schmerzen zu beobachten und zu interpretieren. Ich habe einige dieser Fremdbeobachtungsinstrumente in Anschluss an diesen Artikel aufgezählt und verlinkt.

Grundsätzlich beziehen sich die Beobachtungen auf eine Reihe von Anzeichen, mit denen man erkennen kann, ob jemand unter Schmerzen leidet. Dabei ist es wichtig, das normale Verhalten der Person als Vergleichsbasis zu betrachten. Wenn jemand z.B. normalerweise Schlafstörungen hat, ist das Anzeichen der Schlaflosigkeit kein passender Indikator. Hier sind das Wissen und die Erfahrung von Eltern und Bezugspersonen gefragt.

Aufgrund der besonderen Wahrnehmung von Menschen im Autismus-Spektrum kann es zu einer veränderten Schmerzwahrnehmung kommen. Manche Schmerzen werden möglicherweise zu schwach wahrgenommen und daher nicht beachtet. Andere Schmerzen hingegen werden als übermäßig intensiv erlebt, was für Außenstehende oft schwer nachzuvollziehen ist. Eine bestehende Filterschwäche kann dazu führen, dass zu viele Reize als gleich wichtig wahrgenommen werden. Das Gehirn kann dann Schwierigkeiten haben, zu entscheiden, welchem Reiz es Priorität einräumen soll. Ebenso können zu viele unzureichend ausgefilterte Reize, Schmerzen verursachen. Dies kann zu Fehleinschätzungen führen. Deshalb ist es von ganz besonderer Wichtigkeit, mögliche Anzeichen von Schmerz genau zu beobachten.

Die wichtigsten zu beobachtbaren Anzeichen von Schmerz sind:

  1. Gesichtsausdruck: Anzeichen wie angespannter Gesichtsausdruck, zusammen- oder hochgezogene Augenbrauen, Stirnrunzeln oder Grimassen können auf Schmerzen hindeuten. Ein starrer Blick kann ebenfalls ein Hinweis sein.
  2. Körperhaltung: Eine ungewöhnliche Körperhaltung, wie beispielsweise Vermeiden bestimmter Bewegungen, Schonhaltung oder eine steife Körperhaltung, kann auf Schmerzen hindeuten.
  3. Bewegungsmuster: Ein verändertes Bewegungsmuster, beispielsweise ein Hinken oder eine verlangsamte Bewegung, könnte auf Schmerzen hinweisen. Starke Schmerzen können auch zu völliger Immobilität führen.
  4. Vokalisierung: Auch wenn die Person nicht sprechen kann, kann sie durch laute oder ungewöhnliche oder gequälte Laute, Weinen, Stöhnen oder Schreien versuchen, Schmerzen auszudrücken.
  5. Veränderungen im Schlafmuster: Schmerzen können den Schlaf beeinträchtigen. Schlaflosigkeit, häufiges Aufwachen oder Schwierigkeiten beim Einschlafen können Anzeichen sein.
  6. Appetitveränderungen: Schmerzen können den Appetit beeinflussen. Eine plötzliche Abnahme des Essens oder ein Verweigern von Nahrungsaufnahme könnten darauf hinweisen.
  7. Agitation oder Reizbarkeit: Schmerzen können zu einer erhöhten Reizbarkeit oder Agitation führen. Die Person könnte unruhig oder nervös wirken. Auch Aggressionen sind möglich.
  8. Veränderungen in der Atmung: Schnelle, flache Atmung oder Seufzen können Anzeichen von Schmerzen sein. Starke Schmerzen gehen manchmal auch mit dem Anhalten der Atmung einher.
  9. Berührungsempfindlichkeit: Die Person reagiert möglicherweise empfindlicher auf Berührung an bestimmten Stellen des Körpers. Schmerzende Körperteile werden reflexartig weggezogen.
  10. Veränderungen in der Hautfarbe oder -temperatur: Blässe, Rötung oder kalte Haut können auf Schmerzen hindeuten.
  11. Abwehrreaktionen: Körperliche Abwehrhaltungen oder aggressiv anmutende Reaktionen, um andere fernzuhalten, können darauf hinweisen, dass die Person Schmerzen hat.
  12. Selbstverletzendes Verhalten: Einige Menschen im Autismus-Spektrum können auf Schmerzen mit selbstverletzendem Verhalten reagieren, wie beispielsweise sich selbst schlagen, beißen oder kratzen. Dies kann eine Möglichkeit sein, Schmerzen auszudrücken.
  13. Verhaltensänderung: Plötzliche und/oder von außen nicht erklärbare Verhaltensänderungen können auf Schmerzen hindeuten, z. B. ein lauter agiler Mensch wird ruhig und zieht sich zurück, oder ein normalerweise fröhlicher Mensch wirkt unglücklich, gereizt oder einfach besonders „herausfordernd“.
  14. Lachen: Eine eigenartig anmutende Reaktion auf Schmerzen ist Lachen. Es kann als eine Art Abwehrmechanismus dienen, um mit den negativen Emotionen und dem Stress, die mit Schmerzen einhergehen, umzugehen. Menschen, die bei Schmerz lachen müssen, finden den Schmerz keinesfalls amüsant. Auch die Annahme, sie würden den Schmerz nicht empfinden, ist falsch. Es handelt sich dabei nicht um echtes Lachen, sondern eher um ein nervöses Lachen, welches in der Situation unangebracht wirkt.
  15. Weitere Körperliche Anzeichen können erhöhter Puls und erhöhter Blutdruck sein.

 

 

Fremdeinschätzungsinstrumente 

EDAAP-Skala Bogen zur Evaluation der Schmerzzeichen bei Jugendlichen und Erwachsenen mit Mehrfachbehinderung (Deutsch)

https://www.stiftung-leben-pur.de/fileadmin/Webdata/Uploads/PDFs_DOCs/edaap-skala-2010.pdf

Schmerz-Checkliste für mental eingeschränkte Kinder (NCCPC) (Deutsch)

https://www.vbmb.ch/userfiles/downloads/Tagung_Schmerz/Resume/3_NCCPC-R_d.pdf

Non-Communicating Adult Pain Checklist (NCAPC) (Englisch)

https://cpb-us-e1.wpmucdn.com/wordpressua.uark.edu/dist/9/300/files/2017/04/Non-Communicating-Adult-Pain-Checklist.pdf

Chronic Pain Scale for Nonverbal Adults With Intellectual Disabilities (CPS-NAID) (Englisch)

https://pediatric-pain.ca/wp-content/uploads/2013/04/CPSNAID.pdf

 

 

 

Kommentar verfassenAntwort abbrechen