Loslassen kann man nur, wenn auf der anderen Seite jemand steht, der fängt.
Liebe Fachkräfte,
ich bin eine von Euch. Aber ich bin auch Mutter eines behinderten Kindes. Wie oft habe ich euch sagen hören, die Eltern müssen das Kind loslassen. Doch Eltern können ihr Kind nur loslassen, wenn sie wissen, dass irgendjemand es auffängt. Und hier kommt ihr ins Spiel.
Eltern zeichnen sich dadurch aus, dass sie immer da sind. Eltern machen keinen Urlaub von ihren Aufgaben und Verpflichtungen. Eltern sind auch für ihre Kinder da, wenn sie selbst krank sind. Eltern stehen nachts auf, wenn das Kind schlecht träumt. Eltern hören geduldig zu. Eltern trösten. Eltern geben ihren Job nicht einfach auf, wenn er zu anstrengend wird.
Ein Kind ohne Behinderung wird erwachsen und lernt, für sich selbst zu sorgen. Es kann sich Hilfestellung in seelischen oder körperlichen Notsituationen holen. Auch behinderte Kinder werden erwachsen, aber sie können weiterhin nicht selbst für sich sorgen. Sie bleiben auf andere angewiesen.
Solange es also niemanden auf der anderen Seite gibt, der unsere Kinder mit derselben Verlässlichkeit, Sorgfalt und Geduld auffängt, der sich für unsere Kinder einsetzt, dem sie wichtig sind, können wir nicht einfach loslassen. Wir würden sie ins Ungewisse fallen lassen. Aus Verantwortungsbewusstsein tun wir das nicht.
Eltern klammern nicht an ihren Kindern. Sie hätten gerne ein bisschen Freiraum und vor allem die Gewissheit, dass ihre Kinder auch ohne sie gut aufgehoben, liebevoll betreut und geliebt werden. Eltern wollen Euch vertrauen können. Wenn Ihr diesen Beruf wählt, denkt daran, dass es nicht nur ein Job ist. Es ist eine Berufung.
Deshalb bitte ich euch: Seid vorsichtig bei der Wahl eurer Worte. Urteilt nicht über Menschen, in deren Schuhe ihr nicht einen einzigen Meter gegangen seid.
Danke
Susanne Strasser
ORCID iD: 0009-0005-5156-9680


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