Neuroplastizität – das Gehirn lernt ein Leben lang

Neuroplastizität bedeutet, dass sich das Gehirn verändern und anpassen kann. Es lernt ständig dazu, indem es neue Verbindungen zwischen Nervenzellen bildet oder bestehende verstärkt. So können wir bis ins hohe Erwachsenenalter Neues lernen, Erinnerungen festigen und das Gehirn kann sich nach Verletzungen sogar teilweise selbst regenerieren.

Viele Eltern hören nach einer Diagnose, dass das sogenannte „Zeitfenster“ für die Entwicklung ihres Kindes bald schließen würde, dass man also so schnell wie möglich handeln und therapieren müsse, um den Anschluss nicht zu verpassen. Diese Vorstellung setzt Familien unter enormen Druck. Die langen Wartezeiten auf Therapieplätze verstärken das beklemmende Gefühl, sofort handeln zu müssen, weil man glaubt, später wäre es zu spät. Später könne das Kind die Meilensteine der Entwicklung nicht mehr erreichen.

Doch das stimmt so nicht. Das Gehirn bleibt ein Leben lang formbar. Es kann sich auch im Jugend- oder Erwachsenenalter noch anpassen, lernen und neue Fähigkeiten entwickeln. Veränderungen sind vielleicht etwas langsamer, aber sie sind möglich und oft nachhaltiger, weil sie auf bewusster Übung und Motivation beruhen.

Auch die weitverbreitete Annahme, dass Sprache nur in den ersten Lebensjahren erworben werden kann, stimmt so nicht. Zwar ist das Gehirn in der frühen Kindheit besonders aufnahmefähig und lernt Sprache in dieser Zeit oft schneller und spielerischer, doch die Fähigkeit zu lernen bleibt ein Leben lang bestehen. Dank der Neuroplastizität kann das Gehirn auch später noch neue Verbindungen bilden und sprachliche Fähigkeiten weiterentwickeln. Gerade bei Menschen im Autismus-Spektrum zeigt sich immer wieder, dass Sprache und Kommunikation auch über viele Jahre hinweg gefördert und verbessert werden können.

Lernen, Entwicklung und Wachstum sind also keine abgeschlossenen Kapitel der Kindheit, sondern begleiten uns das ganze Leben lang. Deswegen sind Therapien in jedem Alter möglich. Aber auch und vor allem alltägliche Erfahrungen wie gemeinsames Spielen, Musik, Bewegung oder neue soziale Situationen regen das Gehirn an, neue Verbindungen zu bilden.

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