Das Schweigen der Eltern

Eltern von Kindern im Autismus-Spektrum, aber auch anderen Behinderungen, stehen täglich vor Herausforderungen, die von der Außenwelt oft nicht verstanden werden. Sie jonglieren zwischen auffälligem Verhalten ihrer Kinder, Therapien, Schulproblemen, sozialen Erwartungen und der tiefen Sorge um die Zukunft ihres Kindes. Doch anstatt ihre Last zu teilen, behalten viele ihre Probleme für sich. Warum? Weil sie sich unverstanden fühlen. Es ist nicht so, dass sie es nicht versucht hätte, ihre Probleme zu teilen, doch sie stießen dabei in der Gesellschaft auf Unverständnis. Irgendwann hörten sie auf darüber zu sprechen.

Das Gefühl des Alleinseins

Viele Eltern berichten, dass sie mit gut gemeinten, aber oft unpassenden Ratschlägen überhäuft werden, wenn sie ihre Sorgen teilen. Aussagen wie „Du musst ihn nur strenger erziehen“ oder „warum kommt ihr nicht mit zur Party/in den Zirkus/auf den Jahrmarkt etc.“ zeigen, wie wenig das Umfeld über Autismus weiß. Das führt dazu, dass viele Mütter und Väter ihre Gefühle nicht kommunizieren – aus Überdruss über Kritik oder Unverständnis.

Die Gesellschaft versteht Autismus nicht vollständig

Autismus ist ein Spektrum – jedes Kind ist einzigartig. Doch die Gesellschaft erwartet oft, dass sich autistische Kinder anpassen, „normal“ verhalten oder durch Therapie „geheilt“ werden. Eltern müssen nicht nur für die Bedürfnisse ihrer Kinder kämpfen, sondern auch gegen Vorurteile auftreten. Diese ständige Konfrontation mit Menschen, die glauben, „eh schon alles zu wissen“ führt dazu, dass sie sich zurückziehen.

Eine bedenkliche Spaltung in zwei Lager wider die Inklusion

Doch genau dieser Rückzug hat eine bedenkliche Kehrseite: Eltern autistischer Kinder sprechen oft nur noch mit anderen betroffenen Eltern. Sie erleben dort Verständnis, Unterstützung und Gemeinschaft – etwas, das sie in der allgemeinen Gesellschaft vermissen. Doch dies verstärkt ungewollt die Spaltung zwischen Eltern behinderter Kinder und Eltern nicht behinderter Kinder.

Dieser Austausch innerhalb einer geschlossenen Gruppe kann zwar helfen, aber er steht dem Gedanken der Inklusion entgegen. Denn wahre Inklusion bedeutet, dass sich Menschen mit und ohne Behinderung – und auch ihre Familien – auf Augenhöhe begegnen, voneinander lernen und einander unterstützen. Solange Eltern betroffener Kinder das Gefühl haben, dass sie nur unter sich verstanden werden, bleibt diese Trennung bestehen.

Zuhören – ohne zu bewerten

Was Eltern in dieser Situation am meisten brauchen, ist nicht ein weiterer Ratschlag, sondern echtes Zuhören. Ohne Verbesserungsvorschläge, ohne Kritik, ohne voreilige Urteile. Manchmal ist ein offenes Ohr hilfreicher als jeder gut gemeinte Rat. Wenn Eltern miteinander sprechen können, ohne sich rechtfertigen zu müssen, entsteht eine Verbindung, die das Gefühl gibt, nicht alleine zu sein.

Wut, Trauer, Erschöpfung – all das ist normal in einem Leben voller Herausforderungen. Diese Emotionen zuzulassen, hilft Eltern, mit der Situation besser umzugehen.

Eltern autistischer Kinder brauchen keinen erhobenen Zeigefinger, sondern einfach Mitmenschen und Freunde, die zuhören können, ohne zu urteilen.

Susanne Strasser

ORCID iD: 0009-0005-5156-9680




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