Ein Blick ins autistische Gehirn

In einer Welt, die oft auf Einheitlichkeit und Standardlösungen setzt, liefert die Neurowissenschaft eine klare Botschaft: Jeder Mensch ist einzigartig – besonders, wenn es ums Lernen geht. Für autistische Menschen hat diese Erkenntnis eine besondere Bedeutung, denn sie zeigt, dass Unterschiede im Denken, Wahrnehmen und Handeln nicht nur normal, sondern auch wertvoll sind. Das autistische Gehirn funktioniert nachweislich anders, aber nicht falsch.

Kein Gehirn ist wie das andere

Forschende in der Schweiz haben über einen längeren Zeitraum hinweg die Gehirne von 191 Menschen ohne Diagnose untersucht – darunter auch eineiige Zwillinge. Mithilfe funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRT) wurden mehr als 450 anatomische Merkmale analysiert. Das Ergebnis: Kein Gehirn gleicht einem anderen, selbst bei genetisch identischen Personen.

Die Unterschiede sind nicht zufällig, sondern systematisch. Sie entstehen durch ein Zusammenspiel aus Genetik und Lebenserfahrung. Alter, Geschlecht, Sprache, Kultur oder Expertise. All das beeinflusst, wie sich unser Gehirn strukturiert und wie wir lernen.

Autismus zeigt: Unterschiede sind keine Defizite

Besonders eindrücklich wird das am Beispiel von Autismus. In einer Studie sollten autistische und nicht-autistische Personen dieselbe Aufgabe lösen, während ihre Gehirnaktivität gemessen wurde. Die Unterschiede waren minimal. Aber es zeigte sich eine wichtige Ausnahme: In einem Bereich des Gehirns, der für komplexe visuelle Wahrnehmung zuständig ist, zeigten die autistischen Teilnehmenden eine deutlich andere und oft überlegene Aktivität.

Das bedeutet: Was auf den ersten Blick wie eine Abweichung erscheint, kann in Wirklichkeit eine besondere Stärke sein. Bei visuellen Intelligenztests wie den Raven’s Progressive Matrices* (siehe weiter unten) schneidet das autistische Gehirn im Durchschnitt sogar besser ab als das ihrer nicht-autistischen Altersgenossen. Auf sprachlich geprägten Tests hingegen fällt die Leistung im Vergleich manchmal geringer aus. Die Leistungsfähigkeit ist also stark aufgabenspezifisch und nicht pauschal besser oder schlechter.

Diese neurowissenschaftlichen Erkenntnisse zeigen außerdem, dass sich diese Unterschiede bei Autismus nicht zufällig über das ganze Gehirn verteilen. Stattdessen zeigen sich Abweichungen gezielt in bestimmten Netzwerken wie beispielsweise bei der visuellen Mustererkennung. Das deutet darauf hin, dass autistische Gehirne nicht defizitär, sondern eher spezialisiert sind und in bestimmten Bereichen besonders effizient arbeiten. Das stellt die Vorstellung infrage, dass Abweichung automatisch etwas Negatives bedeutet.

Was bedeutet das für Schule und Lernen?

Diese wissenschaftlichen Erkenntnisse führen zu einer klaren Schlussfolgerung: Eine „Einheitslösung“ im Bildungssystem wird der Vielfalt von Denk- und Lernstilen nicht gerecht. Besonders für autistische Lernende kann sie sogar hinderlich sein.

Lernen funktioniert nicht für alle gleich. Das ist keine Schwäche, sondern Ausdruck von neurologischer Diversität.

Quelle: Universal Design for Learning von David Gordon


* Raven’s Progressive Matrices

sind ein Intelligenztest, der ganz ohne Sprache auskommt. Er wird oft verwendet, um das logische Denken und die Fähigkeit zum Erkennen von Mustern zu messen.

So funktioniert der Test:

  • Du bekommst ein Bild mit einem Muster oder einer Bilderreihe.

  • Ein Teil davon fehlt – wie ein „leeres Feld“.

  • Du sollst aus mehreren Möglichkeiten die richtige Ergänzung auswählen, die das Muster logisch vervollständigt.

Weil dieser Test keine Worte oder Vorwissen braucht, zeigt er besonders gut, wie jemand visuell und logisch denkt. Deshalb wird er häufig bei Menschen mit Autismus eingesetzt – viele schneiden darin überdurchschnittlich gut ab, weil sie oft stark im Erkennen visueller Muster sind.

Beispiele:

 


Kommentar verfassenAntwort abbrechen