Inklusion, Vielfalt, Diversität – das sind Begriffe, die in der heutigen Gesellschaft hoch im Kurs stehen. Besonders, wenn es um Autismus geht, zeigt sich: Das Bild vom „besonderen Menschen“ macht sich gut in Imagebroschüren, Talkshows und Filmen. Doch genau hier liegt ein Problem – und es hat einen Namen: der Vorzeigeautist.
Was ist ein „Vorzeigeautist“?
Ein „Vorzeigeautist“ ist eine Person im Autismus-Spektrum, die öffentlich als positives Beispiel für gelungene Inklusion oder außergewöhnliche Fähigkeiten dargestellt wird. Klingt erstmal gut. Doch hinter dieser scheinbar wohlwollenden Präsentation steckt oft mehr Show als echte Teilhabe.
Der Vorzeigeautist erfüllt Erwartungen: Er (oder sie) ist klug, sprachlich gewandt, charmant „anders“, am Ende ein Gewinner – aber eben gerade nicht unbequem, fordernd oder „zu viel“ für das Umfeld. Der Fokus liegt nicht auf dem Menschen, sondern auf der Wirkung: „Schaut her, wie tolerant wir sind!“
Warum das problematisch ist
Die Figur des Vorzeigeautisten reduziert Autismus auf ein gefälliges, oft leistungsbezogenes Bild. Was dabei ausgeblendet wird sind Menschen im Autismus-Spektrum mit hohem Unterstützungsbedarf, die sich nicht anpassen können. Nonverbale Menschen mit kognitiven Behinderungen, die nicht „trotz“ ihrer Behinderung große Leistungen vollbringen.
Das Bild des Vorzeigeautisten kann damit mehr verdecken als sichtbar machen. Es vermittelt: Autismus ist okay – solange er nicht stört.
Konkrete Beispiele
Greta Thunberg
Die Klimaaktivistin hat sich selbst als Autistin positioniert. Viele feiern sie als „Superheldin“ – eine starke, junge Frau, die sagt: „Being different is a superpower.“
Doch gerade weil sie sich erfolgreich durchsetzt, wird ihr Autismus oft idealisiert – und dabei vergessen, wie viele Barrieren es für andere Autist*innen nach wie vor gibt.
Temple Grandin
Die US-amerikanische Professorin und Tierwissenschaftlerin ist eine der bekanntesten Autist*innen weltweit. Sie spricht offen über ihren Autismus und wird häufig als Beweis dafür präsentiert, wie erfolgreich Menschen mit Autismus sein können. Temple Grandin ist eine großartige Frau, aber sie repräsentiert nicht die große Gruppe von Autist*innen mit höherem Unterstützungsbedarf oder ohne akademischen Zugang.
Dan Aykroyd oder Anthony Hopkins
sind bekannte Schauspieler im Autismus-Spektrum. Sie gelten als Beispiel dafür, wie hochkreativ Autisten sein können. Aber ihre Lebensrealitäten spiegeln keineswegs die vieler anderer wider – schon gar nicht die von Menschen, die strukturelle Ausgrenzung erfahren.
Serien wie „The good doctor“, „Atypical“ oder „The Big Bang Theory“
Filme zeigen oft den hochfunktionalen, liebenswert-verplanten Autisten: schlau, aber sozial unbeholfen, speziell, aber harmlos. Das hilft, Autismus sichtbar zu machen – aber oft nur einen ganz bestimmten Typ. Dieser wird zumeist noch romantisiert. Für viele Betroffene sind solche Darstellungen nicht wiedererkennbar, sondern einengend.
Medieninszenierungen
Talkshows und Reportagen greifen gerne auf „beeindruckende Autisten“ zurück: das Mathegenie, der Programmierer etc. Sie wirken inspirierend – aber häufig wird damit ein positives Bild von Inklusion vermittelt, obwohl viele Autist*innen weiterhin systematisch benachteiligt oder ausgeschlossen werden. Der Fokus liegt oft nur auf einem kleinen, „nützlichen“ Ausschnitt des Spektrums, während andere Lebensrealitäten unsichtbar bleiben.
Auftritte von Autist*innen in Talent-Shows
Autistische Menschen mit musikalischem oder mathematischem Talent werden auf die Bühne gestellt, emotional inszeniert und gefeiert: „Trotz Autismus hat er/sie eine unglaubliche Gabe.“
Autismus wird dabei zur Hürde erklärt, die es zu „überwinden“ gilt – statt als Teil einer Identität verstanden zu werden.
Fazit
Der Begriff Vorzeigeautist ist keine Kritik an den Betroffenen, sondern an der Art und Weise, wie Gesellschaft mit Autismus (und ebenso mit anderen Behinderungen) umgeht. Wenn Autismus nur dann Platz bekommt, wenn er „passt“, ist das keine Inklusion, sondern eine Show.
Der Vorzeigeautist steht meist für eine vereinfachte, gesellschaftlich angenehme Darstellung von Autismus. Es sind oft Personen, die „funktionieren“, deren Auftritt anderen nutzt, ohne dass strukturelle Veränderungen mitgedacht werden.
Inklusion beginnt mit Zuhören. Und manchmal auch mit aushalten, dass nicht alles in jenes Bild passt, das wir gerne hätten.
Du hast selbst Erfahrungen mit Autismus und Medienbildern?
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