Der Zahnarzttermin war geplant wie eine kleine Expedition: Mit Achtsamkeit, viel Zeit und Liebe zum Detail wurde die Person im Autismus-Spektrum auf den Besuch vorbereitet. Jedes mögliche Szenario wurde besprochen, durchgespielt und visualisiert. Der Ablauf – vom Betreten der Praxis bis zum Verlassen des Behandlungsstuhls – war vertraut, fast schon erwartungsvoll eingeübt. Ja, es war sogar so etwas wie Vorfreude spürbar. Denn wenn man weiß, was auf einen zukommt, fühlt man sich sicherer, souveräner und bereit.
Doch dann kam alles anders.
Nicht, weil die Person plötzlich unkooperativ war oder weil unerwartete Geräusche oder Gerüche auftraten. Nein – die große Unbekannte in dieser sorgsam kalkulierten Gleichung war die Assistentin des Zahnarztes.
Sie war freundlich, zugewandt, motiviert – und völlig überambitioniert.
Statt der Person im Autismus-Spektrum Zeit zu geben, die neue Umgebung in Ruhe zu erfassen, redete sie ununterbrochen. Erklärte, zeigte, berührte, benannte Geräte mit Fantasienamen, versuchte zu animieren, zu begeistern. Was gut gemeint war, wirkte wie ein Sturm aus Reizen. Wie eine Welle, die über die Person hinwegrollte. Und trotz erster, klar formulierter Ablehnung – „Ich will das nicht!“ – hörte sie nicht auf. Sie wollte beruhigen, motivieren und erklären.
Das Ergebnis: Ein sich aufbauender Meltdown. Erst langsam mit Abwenden, dann mit der Flucht aus dem Raum – doch selbst dabei folgte ihr die Assistentin, in dem Versuch, gut zuzureden und sie zur Rückkehr zu bewegen. Und schließlich Abbruch der Behandlung, Scham und das Gefühl der Versagens auf beiden Seiten.
Was hier gescheitert ist, ist nicht der Mensch im Autismus-Spektrum. Was hier fehlt, ist nicht Kooperationsbereitschaft oder Geduld. Was hier fehlt, ist Wissen. Es fehlt an Schulung für medizinisches Fachpersonal.
Ambition ersetzt keine Fachkompetenz
Angestellte im Gesundheitssystem handeln nicht in böser Absicht. Ambitioniert zu sein, reicht allerdings nicht aus. Wer mit autistischen Menschen arbeitet – insbesondere im medizinischen Kontext – braucht mehr als guten Willen. Er oder sie braucht Wissen über Reizverarbeitung, über die Bedeutung von Vorhersehbarkeit, über Kommunikation ohne Druck. Und vor allem über die Kraft des Abwartens und der Ruhe.
Was für neurotypische Patient*innen motivierend oder sogar spielerisch wirkt, kann für autistische Menschen eine massive Überforderung bedeuten. Wenn Worte, Berührungen und Eindrücke gleichzeitig auf sie einprasseln, wird aus einer Routinebehandlung schnell eine Krisensituation.
Vorbereitung funktioniert nur, wenn das Umfeld mitspielt
So sehr sich Betroffene, Angehörige oder unterstützende Personen auch vorbereiten, sie können nicht alles kontrollieren. Die Umwelt ist immer Teil der Situation. Und wenn diese Umwelt – also Ärzt*innen und ihre Teams – nicht weiß, wie sie auf autistische Bedürfnisse reagieren kann, läuft die beste Vorbereitung ins Leere.
Dabei wären die Lösungen oft einfach:
- Weniger sprechen. Und wenn, dann klar, ruhig und mit korrekten Begriffen.
- Keine ungefragten Berührungen.
- Erst beobachten, dann behutsam Kontakt aufnehmen.
- Grenzen respektieren.
- Keine Überredungsversuche. Was heute nicht geht, geht vielleicht ein andermal.
- Lieber zu wenig als zu viel auf einmal wollen.
Schulungen sind keine Kür, sie sind notwendig
Inklusion im Gesundheitswesen beginnt nicht bei der Rampe am Eingang. Sie beginnt bei der inneren Haltung – und setzt Wissen voraus. Es braucht verpflichtende Schulungen für medizinisches Personal im Umgang mit neurodivergenten Patient*innen. Nicht nur theoretisch, sondern praxisnah. Denn echte Teilhabe bedeutet auch: eine Zahnbehandlung ohne Trauma, ein Arztbesuch ohne Meltdown, ein Gesundheitswesen, das wirklich für alle da ist.
Denn wenn ein Mensch im Autismus-Spektrum die Praxis mit Meltdown verlässt, dann ist nicht dieser Mensch gescheitert.
Dann hat das System versagt.
Wie ein gelungener Besuch beim Zahnarzt vorbereitet werden kann, könnt ihr hier lesen:
Tipps und Strategien für einen erfolgreichen Besuch beim Zahnarzt für Kinder und Erwachsene aus dem Autismus Spektrum

