Trends in der Autismus-Therapie: Ein Blick in die Zukunft
Wie sieht die Zukunft im Umgang mit Menschen im Autismus-Spektrum aus? Welche therapeutischen Ansätze prägen diese Entwicklung, und wie verändern gesellschaftliche und medizinische Perspektiven das Bild von Autismus? Was können Betroffene erwarten?
Therapeutische Selbstbestimmung
Wird eine Therapie angestrebt, so muss der Inhalt der Therapie sowohl für die Gesellschaft als auch für die betroffene Person relevant sein. Die Zeiten, in denen die Gesellschaft und der/die Therapeut*in bestimmt haben, was und wie therapiert wird, sollten bald der Vergangenheit angehören.
Dazu gehört es, Therapeuten und Therapeutinnen in der Kunst des Zuhörens und Beobachtens zu schulen. Nur so ist es möglich, zu verstehen, woran eine Person im Autismus-Spektrum, welche sich nicht verbal äußern kann, arbeiten möchte bzw. kann. Welche Lernmethode wird bevorzugt und ist diese überhaupt sinnvoll. Wie kommuniziert die Person und welche Botschaften vermittelt sie durch ihr Verhalten.
Auf diese Weise kann ein individueller therapeutischer Ansatz entwickelt werden, der hilft eventuelle Defizite zu lindern und neue Strategien zu entwickeln. Gleichzeitig wird die Person dabei unterstützt, selbst für sich zu entscheiden.
Abkehr von überholten Therapie-Modellen
Dies unterscheidet sich von alten Modellen der Verhaltenstherapie wie beispielsweise ABA-Therapie, die einige universelle Behandlungsmethoden (wie Belohnung und Bestrafung) anwandten und sich nicht an den Bedarfen und Bedürfnissen der Personen im Autismus-Spektrum orientierten. Diese derzeit oft anzutreffende Form der Verhaltenstherapie ist weit entfernt von Selbstbestimmung, Respekt und Akzeptanz. Sie konzentriert sich nur auf die Anpassung der Person an die Umgebung und auf Gehorsam.
Wenn das Ziel einer Therapie die Durchsetzung von Gehorsam ist, wird dies für die betroffene Person nachteilig und kann zu Depressionen, Angst und erlernter Hilflosigkeit führen. Selbstvertreter argumentieren daher, dass ABA sehr schädlich sein kann, wenn es Gehorsam priorisiert und Kindern beibringt, ihre autistischen Symptome zu verbergen.
Neu-Denken der Therapieansätze
Die Wissenschaft, die hinter verhaltenstherapeutischen Ansätzen steckt, muss neu gedacht und entdeckt werden. Verhaltenstherapie, wenn sie gemeinsam mit den Betroffenen entwickelt wird, kann gut zum Kompetenzaufbau genutzt werden ohne dabei die persönlichen Rechte und Emotionen der Betroffenen zu verletzen.
Fokus auf Lebensqualität
Eine wohl hoffentlich sich durchsetzende Trendwende ist, dass mehr Wert auf die Förderung der Lebensqualität und des Wohlbefindens gelegt wird, anstatt nur auf die Reduzierung von Symptomen.
Weg vom medizinischen und hin zum sozialen Modell
Es gibt seit geraumer Zeit einen Konflikt zwischen dem sozialen und dem medizinischen Modell.
Das medizinische Modell betont die Behebung von Symptomen, orientiert sich also an der Beseitigung von vermeintlichen Defiziten anstatt den Menschen im Autismus-Spektrum zu fördern und bei der Erreichung seiner persönlichen lebenspraktischen Ziele zu unterstützen.
Die immer stärker aufkommende neurodivergente Bewegung, die dem sozialen Modell folgt, setzt sich jedoch dafür ein, Umgebungen anzupassen, um die Lebensqualität zu verbessern, ohne die Betroffenen zu verändern, um gesellschaftlichen Normen zu entsprechen.
Beide Modelle erkennen den Wert von Therapien, unterscheiden sich aber in der Umsetzung, indem das soziale Modell die betroffenen Personen im Autismus-Spektrum aktiv miteinbezieht und deren Bedürfnisse priorisiert anstatt sie zu therapieren, um sie als „unauffällig und unnötig angepasst“ erscheinen zu lassen.
Gesellschaftliche Akzeptanz und Entstigmatisierung
Menschen im Autismus-Spektrum leben oft sehr isoliert von der Gesellschaft. Schon Eltern schränken die sozialen Kontakte ein, um Urteile oder Kritik von anderen zu vermeiden. Alltägliche Dinge wie Spieltreffen, Geburtstagspartys, Schulveranstaltungen oder Arzttermine können für viele Familien große Herausforderungen darstellen.
Eine größere Akzeptanz von Autismus und Behinderung allgemein ermöglicht es Familien, diese besonderen Herausforderungen effektiv zu bewältigen und sich nicht als Außenseiter fühlen zu müssen. Dies kann nur durch Aufklärungsarbeit, Förderung eines besseren Verständnisses sowie direkten, aber begleiteten Kontakt mit Betroffenen geschehen. Erst durch den ungezwungenen Kontakt können positive Kontakterlebnisse entstehen.
Mit den steigenden Autismus-Diagnoseraten stehen wir an einem Wendepunkt. Daher ist jetzt mehr den je der richtige Zeitpunkt, um sich für Veränderungen in der Sichtweise auf Autismus und Behinderung stark zu machen.
Susanne Strasser (ORCID iD: 0009-0005-5156-9680)

