wie man autistische Kinder beim Spracherwerb fördern kann

Kommunikation besteht nur zu einem Teil aus gesprochenen Worten. Aber zugegeben, diese sind sehr effizient und erleichtern die Kommunikation enorm. Deswegen ist es sinnvoll, die verbale Sprache zu fördern. Der Spracherwerb bei Kindern im Autismus Spektrum kann unauffällig, verzögert oder gar nicht stattfinden.

Es gilt dabei zwei Fertigkeiten zu unterscheiden: das aktive Sprechen und das Verstehen von Sprache. Während die meisten Kinder im AS Sprache verstehen, haben viele Schwierigkeiten zu sprechen. Auch das autistische Sprachverständnis zeigt Auffälligkeiten; diese sind allerdings nicht Inhalt dieses Artikels.

Hier geht es darum, wie man die aktive Sprache, das Sprechen, fördern kann. Und es geht vor allem darum, wie Eltern in häuslichen Umfeld, die Lautsprachentwicklung ihrer Kinder fördern können. Da dies ein aufbauender Prozess ist, sollte die Reihenfolge der hier aufgezählten Strategien weitgehend eingehalten werden.

Dabei gibt es zwei grundlegende Prozesse zu unterscheiden: Einerseits geht es um die Herstellung der kognitiven Reife, die Voraussetzung einer erfolgreichen Sprachentwicklung ist. Andererseits geht es um die Herstellung der Einsicht, warum es sinnvoll ist, Sprache zu verwenden, und wie Sprache richtig verwendet wird.

Das Herstellen der kognitiven Reife erfolgt über die motorische Entwicklung des Kindes. Eine unzureichende motorische Entwicklung hat große Auswirkungen auf die Sprachentwicklung. Dabei gilt es besonderes Augenmerk auf die gut ausgeprägte Kreuzkoordination der Bewegungsmuster zu achten.

In der kindlichen Entwicklung ist das Durchlaufen jeder Entwicklungsstufe wichtig. Vorzeitiges Eingreifen durch unterstütztes Sitzen oder Laufen (auch in sogenannten Lauflernwagen) hemmt diese Entwicklung.

Ich verzichte an dieser Stelle auf eine ausführliche Darstellung der motorischen Entwicklung, weil dies den Rahmen dieses Artikels sprengen würde. Es sollen hier lediglich einige wichtige motorische Übungen zur Sprachförderung aufgezeigt werden.

1. Krabbeln (!)

Viele Kinder im Autismus Spektrum krabbeln nicht oder nicht richtig. Das hat u.a. mit ihren Wahrnehmungsbesonderheiten zu tun. Aber auch damit, dass Kinder oft zu früh zum Laufen animiert werden. Versuchen Sie das Kind zum Krabbeln zu animieren. Tunnel und andere Hindernisse, durch die man krabbeln muss, können sehr hilfreich sein. Wenn das Kind trotzdem nicht krabbelt, können passive Übungen zur Kreuzkoordination durchgeführt werden.

Beispiel: Setzen Sie das Kind mit dem Rücken zu Ihnen auf Ihre Knie. Ergreifen Sie von hinten seine Hände und führen Sie nun rhythmisch, z.B. begleitet von einem Lied, die rechte Hand zum linken Knie und anschließend die linke Hand zum rechten Knie des Kindes. Diese Übung kann erweitert werden, indem die Hand zum gegenüberliegenden Fuß, Ohr, Schulter etc. geführt wird.

Auch Klatschspiele, bei denen die Körpermitte überkreuzt wird, erfüllen denselben Zweck.

 

Das zweite große Themenfeld für die Förderung des Sprechens ist das Herstellen der Einsicht, warum Sprechen sinnvoll ist. Da viele Kinder im Autismus Spektrum wenig soziale Interaktion herstellen, versäumen sie wichtige Schritte der Sprachentwicklung. Nachfolgende Übungen können helfen, diese Entwicklungsschritte erfolgreich aufzuholen.

2. Animieren Sie Ihr Kind Laute von sich zu geben

In jeder Situation, in der sie die Aufmerksamkeit Ihres Kindes genießen, „lautieren“ Sie Vokale wie A, E, I, O und U oder Kombinationen aus Vokal und Konsonant wie MA, BE, TO etc. Machen Sie dies mit übertrieben deutlichen Mundbewegungen und so, dass Ihr Kind Ihren Mund sehen kann.

3. Imitieren Sie die Laute des Kindes

Wenn Ihr Kind bereits selbst Laute von sich gibt, machen Sie daraus eine Kommunikation, indem Sie die Laute des Kindes imitieren. Das Kind erfährt so, dass seine Laute wahrgenommen werden und eine Reaktion darauf folgt.

4. Animieren Sie das Kind, Ihre Laute zu imitieren

Wenn Sie bisher die Laute des Kindes imitiert haben, hat das Kind die Kommunikation begonnen. Nun versuchen Sie, eine Kommunikation anzustoßen, indem Sie mit einem bekannten Laut beginnen und warten, ob das Kind diesen imitiert, also antwortet.

 

5. Kinderlieder, Kinderreime und Fingerspiele

sind außerordentlich sprachfördernd. Der Reim und der Rhythmus prägen sich gut ein und verlangen geradezu nach Vervollständigung. Daraus ergibt sich eine Übung, die Kinder zum Einsatz von Sprache animiert: Singen Sie Kinderlieder oder sprechen Sie Reime, die Ihr Kind bereits gut kennt. Lassen Sie dabei einfach das letzte Wort aus. Ihr Kind wird sich motiviert fühlen, dieses letzte Wort zu ergänzen, damit der Reim oder das Lied wieder vollständig sind.

Es ist dabei nicht so wichtig, dass das Kind dieses letzte Wort korrekt ausspricht. Eine Lautäußerung jeglicher Art ist anfangs akzeptabel.

 

6. Nennen und Vervollständigen von Gegensätzen

Eine weitere nicht weniger spielerische Variante ist das Nennen und Vervollständigen von Gegensätzen. Diese Variante ist schon für etwas ältere Kinder gedacht, die Gegensätze bereits kennen.

Beginnen Sie rhythmisch Gegensätze zu nennen und lassen Sie bei der dritten Nennung, den Gegensatz weg.

 

7. Handlungsbegleitendes Sprechen

Wenn man mit nonverbalen Menschen Zeit verbringt, passiert es leicht, dass man selbst aufhört zu sprechen, weil man kein verbales Feedback erhält. Ein Kind, mit dem man nicht spricht, kann aber nicht sprechen lernen. Daher ist es von großer Wichtigkeit, mit dem Kind viel zu sprechen.

Am besten Sie kommentieren alles, was Ihr Kind gerade tut. Man nennt dies handlungsbegleitendes Sprechen. So erfährt das Kind gleichzeitig die verbale Umsetzung seiner Tätigkeiten.

Beispiel:

Das Kind greift nach einem Brötchen. Mutter kommentiert: Du hast Hunger. Du möchtest jetzt das Brötchen essen. Dann setzen wir uns zu Tisch. Jetzt isst Du das Brötchen etc.

 

8. aktiven Einsatz von Sprache üben (funktionelles Sprechen)

Wenn das Kind so weit ist und den Sinn des Sprechens einmal erkannt hat, ist es Zeit, den aktiven Einsatz der Sprache zu beginnen.

Stellen Sie begehrte Dinge außerhalb der Reichweite des Kindes z.B. in ein Regal. Wenn das Kind nach dem Gegenstand verlangt, fragen Sie: „Möchtest Du den Bären oder das Auto?“. Das Kind soll nun den begehrten Gegenstand benennen. Dabei ist die korrekte Aussprache bedeutungslos. Es reicht anfangs ein „Bä“ für Bär oder ein „Au“ für Auto.

Verfahren Sie ebenso, indem Sie beim Spielen, Vorlesen oder Schaukeln innehalten und erst nach einer verbalen Aufforderung durch das Kind wieder fortsetzen.

 

9. Videos machen

Wenn Ihr Kind gerne fernsieht, besteht auch die Möglichkeit selbst Animationsfilmchen zu drehen. Manche Kinder schenken dem Fernseher mehr Aufmerksamkeit als „echten“ Menschen. Dann sollte man diese Tatsache nicht ungenutzt vergehen lassen, sondern sie zur Sprachförderung nutzen. Sie können in diesem Fall von allem, was Sie gerne möchten, dass das Kind tut, ein kleines Video machen. Sehr gut zum Vormachen der gewünschten Aktionen eignen sich Geschwister oder Kinder von Freunden. Diese Videoaufnahmen können dann so oft wie gewollt oder notwendig angesehen werden.

 

Manche Kinder im Autismus Spektrum erlernen das Sprechen trotz aller Bemühungen nicht. Dann ist es wichtig, auf alternative Kommunikationssysteme wie PECS oder Gebärden zu setzen.

Kommunikation ist wichtig. Wer sich nicht mitteilen kann, reagiert u.U. aggressiv oder depressiv und muss weitgehend fremdbestimmt leben.

 

 

 

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