Beim Zahnarzt*

Tipps und Strategien für einen erfolgreichen Besuch beim Zahnarzt für Kinder und Erwachsene aus dem Autismus Spektrum

Der Besuch beim Zahnarzt ist für viele Menschen eine Herausforderung. Für Menschen im Autismus Spektrum kann er zu einer mittleren Katastrophe werden: fremde Menschen, fremde und unangenehme Geräusche, unbekannte Geräte, Ungewissheit, was auf einen zukommt, ein Übergriff auf den eigenen Körper etc. Das sind nur einige der Herausforderungen, die einen Menschen mit Autismus enorm belasten können.

Deshalb gilt es, den Betroffenen gut auf die Situation vorzubereiten. Menschen im Autismus Spektrum können häufig weit mehr, als man ihnen zutraut. Doch es liegt an den Menschen und dem Umfeld, ihnen die Entfaltung ihres Potentials zu ermöglichen.

Deshalb habe ich einige gut bewährte Tipps und Strategien zusammengestellt, deren Durchführung einen erfolgreichen und eskalationsfreien Zahnarztbesuch ermöglichen können.

  • Zahnarzt des Vertrauens

Suchen Sie einen Zahnarzt Ihres Vertrauens. Die Annahme, dass Kinderzahnärzte besonders geeignet wären, hat sich in der Praxis kaum bewährt. Die Kriterien, die Sie bei der Wahl des Zahnarztes beachten sollten, sind: Kann man gut mit dem Arzt sprechen? Hört er zu? Oder weiß er schon im Vorfeld alles besser als der Betroffene oder die Begleitperson?

  • Erste Kontaktaufnahme

Vereinbaren Sie mit dem Zahnarzt ein Vorgespräch, in dem Sie ihm die Problemlage schildern. Bitte Sie ihn um Hilfe und beraten Sie gemeinsam, wie man eine erfolgreiche Behandlung ermöglichen kann.

  • Regelmäßige Termine zum Angewöhnen

Warten Sie mit dem Zahnarztbesuch nicht so lange, bis Handlungsbedarf besteht.

Vereinbaren Sie alle drei Monate einen Kontrolltermin. An diesem Termin lernt die autistische Person die Praxis, den Arzt und die Assistenzpersonen stressfrei kennen. Wenn die autistische Person bereit ist, kann man dann langsam beginnen, bei jedem Termin eine kleine Zahnhygiene durchzuführen. Arzt und Patient lernen einander so kennen und der autistische Patient gewöhnt sich an erste Behandlungsabläufe.

  • Keine Kindersprache

Ersuchen Sie den Zahnarzt und die Zahnarzthelferin** auf Kindersprache zu verzichten. Dies ist sehr verwirrend für Autisten. Es handelt sich nicht um einen kleinen Staubsauger namens Schlürfi, sondern um einen Speichelsauger. Der Zahn geht auch nicht schlafen, sondern wird betäubt. Betäuben heißt: Man spürt den Zahn nicht usw. Das sind klare Aussagen, mit denen der Betroffene etwas anfangen kann.

  • Behandlungsstuhl

Das Auf- und Abfahren sowie die Veränderung der Rückenlehne des Behandlungsstuhls sollte vermieden werden. Das kann die Person erschrecken und ihr das Gefühl des Kontrollverlustes vermitteln. Wenn die Position des Stuhles verändert werden soll, kann der autistische Patient kurz aufstehen und erst nach der Veränderung wieder Platz nehmen.

  • Keine Überraschungen

Ersuchen Sie Zahnarzt und Zahnarzthelferin, den autistischen Patienten immer vorzuwarnen bzw. zu informieren, wenn eine Handlung im Mund stattfindet. Also: „Jetzt schalte ich den Bohrer ein.“ „Jetzt muss ich mit dem Speichelsauger den Speichel absaugen.“ etc. Das unerwartete und überraschende Hantieren im Mund macht Angst.

  • Termin ohne Wartezeit

Bitten Sie immer um Randtermine ohne Wartezeiten, am besten gleich zu Beginn der Öffnungszeit. Langes Warten und andere Menschen im Warteraum können schnell zur Überforderung führen. Das ist ein schlechter Start für den Besuch beim Zahnarzt.

  • Vorbereitung daheim

Bereiten Sie den Patienten daheim auf den Besuch beim Zahnarzt vor: Nichts ist schlimmer als Ungewissheit. Diese Vorbereitung funktioniert gut, wenn Sie die Situation im wahrsten Sinne des Wortes durchspielen. Wenn Sie erst ein paar Mal Zahnarzt gespielt haben, verliert die Situation an Fremdheit und Schrecken. Ein vertrautes Gefühl stellt sich ein.

Beispiel: Wie ich meine Tochter auf das Zahnröntgen vorbereitet habe

Ich habe Tina (30) aufgerufen: „Frau Strasser, bitte ins Röntgenzimmer“ (bei uns das Badezimmer). „Bitte nehmen Sie Platz, wir machen jetzt ein Röntgenbild von Ihrem Zahn. Bitte öffnen Sie den Mund“. Nun habe ich Tina ein Plastikplättchen (ausgeschnitten aus einem Schnellhefter) an den betroffenen Zahn gehalten. Die Flasche des Badezimmerreinigers diente als Röntgengerät, indem ich sie von außen an Tinas Wange anlegte. „So nun kurz stillhalten bitte“. Mein Mann fungierte als Assistentin und ging nun aus dem Badezimmer, um nach ein paar Sekunden mit den Worten „Danke, wir sind fertig.“ wieder hereinzukommen. Man weiß ja, dass die Assistenzperson von außerhalb des Röntgenzimmers das Röntgengerät bedient. Wie haben das vielleicht zehn Mal gespielt und dabei viel Spaß gehabt. Aber das Zahnröntgen war für Tina danach kein Problem mehr. Sie war mit der Situation, die auf sie zukommt, vertraut.

  • Bilder

Wenn Sie die Möglichkeit haben, machen Sie Fotos von den Praxisräumen, dem Behandlungsstuhl, den Geräten und eventuell auch von Arzt und Assistenzpersonen. So können Sie ein kleines Album anlegen und die Situation immer wieder visualisieren und durchbesprechen. Auch das gibt Sicherheit.

  • Körperliche Sicherheit geben

Fragen Sie nach der Möglichkeit, den Kopf oder die Schultern des autistischen Patienten zu halten. Sie sollen den Kopf dabei nicht festhalten, sondern nur eine leichte Stütze geben. Die Berührung „erdet“, beruhigt und gibt Sicherheit.

  • Die richtigen Worte

Achten Sie auf Ihre Wortwahl. Vermeiden Sie Sätze wie „es tut eh nicht weh“ oder „du brauchst keine Angst zu haben“. Dadurch lenken Sie die Aufmerksamkeit auf die Möglichkeit, dass es wehtun könnte oder dass man Angst haben müsste. Ein altbekanntes Beispiel zur Verdeutlichung: „Denken Sie nicht an einen rosa Elefanten“. Und an was denken Sie jetzt? An einen rosa Elefanten?

  • Ruhe und Gelassenheit

Bemühen Sie sich, Gelassenheit und Ruhe auszustrahlen. Vertrauen Sie darauf, dass die Situation gelingen wird. Niemand hat Vorteile, wenn Sie nervös und unruhig sind.

  • Kein Druck

Üben Sie keinen Druck aus. Gehen Sie immer nur so weit, wie es die autistische Person zulässt. Deswegen ist es so wichtig, rechtzeitig mit stressfreien Zahnarztbesuchen zu beginnen. Wenn Sie warten, bis die Karies Schmerzen verursacht, ist es zu spät zum Vorbereiten und Einüben der neuen herausfordernden Situation.

  • Loben

Loben Sie jede Kleinigkeit: „Großartig, Du bist im Behandlungsstuhl gesessen.“ oder „Super, Du hast den Speichelsauger angefasst.“ etc.

  • Humor

Humor ist der beste Begleiter. Es ist völlig in Ordnung über die Skurrilität einer Situation zu lachen. Das ist nicht auslachen, sondern Leichtigkeit und Gelassenheit. So manche kritische Situation kann mit ein bisschen Humor entspannt werden.

* Ich bin mir durchaus der Tatsache bewusst, dass es auch Zahnärztinnen gibt. Zur besseren Lesebarkeit verwende ich in diesem Artikel aber durchgängig die männliche Form.

** 99% der zahnmedizinischen Fachangestellten sind weiblich. Deshalb verwende ich hier die weibliche Form.

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