Sprache und Behinderung

Sprache und Behinderung

Interview der Tagesförderstätte für Menschen mit Behinderung Graz

mit Frau Susanne Strasser

Interviewer: Bemerken Sie Unterschiede in der Sprache wenn Sie mit Ihrer Tochter unterwegs sind und Sie angesprochen werden? Wie reagieren Sie darauf?

Susanne Strasser: Egal ob im unerfahrenen Bekanntenkreis oder in der Öffentlichkeit, die meisten Menschen sprechen nur mit mir, nicht aber mit meiner Tochter. Meist löst meine Tochter die Situation ganz einfach auf, indem sie laut und deutlich das Gegenüber begrüßt. Aber auch wenn der Kontakt einmal hergestellt ist, gibt es noch sprachliche Unterschiede. Die Sprache wird vorsichtig und man ist bemüht, nicht über Angelegenheiten meiner Tochter in ihrer Anwesenheit zu sprechen. Warum nicht? Ich persönlich würde es nicht mögen, wenn hinter meinem Rücken in meiner Abwesenheit über mich und meine Anliegen gesprochen wird. Auch wenn der Mensch mit Behinderung sich nicht aktiv am Gespräch beteiligt, ist es doch wesentlicher Teil der Normalisierung und der Inklusion, dass er an Gesprächen über seine Person teilhaben kann. Dies gilt auch für Gespräche über die Behinderung selbst. Die Ich-Identität einer Person entsteht in der Auseinandersetzung mit der Umwelt. Welche Ich-Identität erlangt man, wenn die Umwelt einen nicht wahrnimmt? Gibt es mich dann überhaupt?

Interviewer: Wie geht es Ihnen mit Phrasen wie „Jemand ist an den Rollstuhl gefesselt“, „Das Gegenteil von behindert ist gesund“ oder ähnliches?

Susanne Strasser: Ohren zu und lächeln! Nach fast dreißig Jahren in der Branche ärgert man sich nicht mehr drüber. Es macht höchstens manchmal traurig, zu erfahren wie ignorant die Gesellschaft nach wie vor ist. Sprache kann sehr verletzen und doch besitzen viele Menschen diese gefährliche Waffe, ohne damit umgehen zu können.

Ganz besonders verletzend finde ich es aber, wenn diese sprachlichen Demütigungen von sogenannten Fachleuten kommen, die es doch eigentlich besser wissen müssten.

Das Gleiche gilt auch dann, wenn Menschen mit Behinderung mit ihrer Diagnose bezeichnet werden, z.B. Autist, Spastiker etc.

Im Grunde sind wir doch alle Menschen und sollten auch als solche bezeichnet werden. Es zeigt wenig Respekt, jemanden auf seine Diagnose zu beschränken. Dadurch werden Defizite betont und der Mensch mit seiner Persönlichkeit tritt in den Hintergrund. Müsste ich meine eigene Tochter beschreiben, fallen mir Begriffe wie freundlich und lustig, hilfsbereit und bemüht, fleißig und manchmal auch ganz schön bockig ein. Ganz zuletzt in der Liste käme autistisch.

Interviewer: Die Sprache gegenüber Menschen mit Behinderung wird oft „verkindlicht“. Haben Sie auch solche Beobachtungen gemacht? Haben Sie das Gefühl, dass sich das in den letzten Jahren verbessert/verschlechtert hat?

Susanne Strasser: Es ist oft wirklich lustig, zu welchen sprachlichen Besonderheiten sich Leute im Umgang mit Menschen mit Behinderung hinreißen lassen. Einerseits ist es die Verkindlichung von Sprache, andererseits die versuchte Vereinfachung der Inhalte. Anstatt klare Aussagen in normale Worte zu fassen, werden in der Unsicherheit im Umgang mit Menschen mit Behinderung verwirrende sprachliche Sinnbilder erschaffen.  Es amüsiert mich beispielsweise sehr, wenn die Zahnärztin zu meiner erwachsenen Tochter mit autistischer Wahrnehmung sagt, sie werde ihr jetzt den Staubsauger Schlürfi  (Anm.: Speichelsauger) in den Mund stecken. Ich kann nur mutmaßen, was meine Tochter in diesen Momenten denkt.

Aber, und das darf an dieser Stelle nicht fehlen, ist der unangemessene Gebrauch einer verkindlichten Sprache allemal besser, als dem Menschen mit Behinderung aus dem Weg zu gehen. Es ist nicht verwerflich Berührungsängste zu haben und Fehler zu machen, aber es ist verletzend diesen Menschen aus dem Weg zu gehen, sie auszugrenzen oder so zu tun, als ob sie gar nicht da wären. Im Grunde genommen, verwenden wir verkindlichte Sprache intuitiv ja doch nur gegenüber Menschen die wir gerne haben und die wir beschützen wollen.

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