Begrifflichkeiten rund um Autismus

Begrifflichkeiten rund um Autismus

oder

Man kann es nie allen recht machen

Die Diskussion um Begrifflichkeiten hat in den letzten Jahren massiv in die deutsche Sprache Einzug gehalten. Die Bedeutung der Wahl der richtigen Worte ist unumstritten, so können Begriffe diskriminieren, neutralisieren, hervorheben sowie Gefühle und Vorurteile auslösen. Sie vermitteln eine Idee und eine damit verbundene Bewertung eines Sachverhalts oder einer Person und unterliegen dem Wandel der Gesellschaft. So würde heute (fast) niemand mehr das Wort „Krüppel“ für einen Menschen mit Körperbehinderung oder „Idiot“ für einen Menschen mit Lernschwierigkeiten verwenden.

Diese Diskussion um Begrifflichkeiten betrifft ganz besonders das Thema Autismus und die davon Betroffenen. Es gibt unter den Betroffenen keinen Konsens darüber, welcher Begriff nun verwendet werden soll.

Es gibt eine Gruppe, die sich selbst als Autisten und Autistinnen bezeichnen. Sie betonen, dass sie so genannt werden wollen, weil der Autismus sie als Menschen ausmache. Würde man sie als Menschen mit Autismus bezeichnen, hieße es, dass der Autismus außerhalb ihrer Person bestünde und z.B. durch Therapie beseitigt werden könne.

Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

Eine andere Gruppe bevorzugt wiederum den Begriff Menschen mit Autismus, weil sie damit verdeutlichen wollen, dass Autismus eben nur eine ihrer Eigenschaften ist und sie vorrangig als Menschen gesehen werden wollen. Sie möchten nicht auf ein einziges Merkmal ihrer Person reduziert werden.

Eine Erweiterung des Begriffes ist Mensch mit autistischer Wahrnehmung. Er betont, die andere Art und Weise wahrzunehmen als Besonderheit eines Menschen. Ich persönlich bevorzuge diesen Begriff, weil er nicht auf eine Diagnose reduziert und nicht abwertend ist.

Generell kann man heute davon ausgehen, dass der Ausdruck unter Autismus leiden nicht angemessen und erwünscht ist. Damit wird suggeriert, der Mensch leide, wie man unter einer Krankheit oder Schmerzen leidet, was nicht zutrifft. Allerdings mag es durchaus Betroffene geben, die unter ihrer Diagnose leiden, weil sie in einem Umfeld leben, das ihnen das Gefühl gibt minderwertig zu sein und nicht dazu zu gehören.

Ist der Begriff „Behinderung“ zutreffend bei Autismus?

Der Begriff der Behinderung dient als Überbegriff für alle dauerhaften Beeinträchtigungen im Bewegungsapparat, den Sinnen, der kognitiven und psychischen Leistungsfähigkeit eines Menschen. Spricht man von Behinderten, so kann auch dieser Begriff als negativ empfunden werden, weil er die Behinderung und nicht den Menschen betont. Um dies zu umgehen entstehen (teils seltsame) Synonyme.

Eines davon ist Menschen mit besonderen Bedürfnissen, was von vielen nicht als korrekt empfunden wird. So haben wir alle die gleichen Bedürfnisse, nämlich nach Nahrung, Schlaf, Wärme, Anerkennung, Wohnung, Gesundheit, Freunde, Liebe, Sexualität, Sicherheit etc. Allerdings haben wir auch alle besondere Bedürfnisse. So hat ein sportlicher Mensch das Bedürfnis Sport zu betreiben und ein kulturinteressierter Mensch hat vielleicht das Bedürfnis Konzerte und Ausstellungen zu besuchen.

Besonders misslungen ist wohl der Begriff der Verhaltenskreativität. So werden Menschen mit Behinderungen bezeichnen, die sich nicht entsprechend der Vorstellungen und Regeln der Gesellschaft verhalten. Kreativität bezeichnet jedoch einen Schaffungsprozess, indem etwas Neues entsteht oder ein Problem gelöst wird, was in diesem Kontext unpassend ist.

Um auf die Frage zurückzukommen, ob Autismus nun eine Behinderung darstellt, ist die Antwort aus pragmatischer und definitionstheoretischer Sicht JA.

Autismus betrifft das kognitive und das sensorische Leistungsvermögen der Betroffenen, sodass viele auf Hilfe durch andere Menschen angewiesen sind. Sie stoßen in ihrem Umfeld auf Barrieren und Hindernisse, die sie alleine nicht bewältigen können, die sie also behindern. Es ist aber durchaus nachvollziehbar, dass viele Menschen mit autistischer Wahrnehmung den Begriff der Behinderung für sich ablehnen, weil er, wie oben bereits beschrieben, negativ und defizitär assoziiert wird.

Leider verwenden viele Jugendliche seit einiger Zeit das Wort „behindert“ als Schimpfwort. Dieser Trend ist erschreckend und zeigt eine sehr oberflächliche und mangelhafte geistige Entwicklung dieser Menschen. Es macht aber deutlich, wie negativ besetzt der Begriff leider ist.

Sind Menschen mit autistischer Wahrnehmung geistig behindert?

Zunächst gilt es festzuhalten, dass Autismus eine Spektrum-Diagnose ist. Das heißt, sie umfasst viele Möglichkeiten der Ausprägung und Verlaufsform und unterteilt nicht in Kategorien. Die intellektuelle Begabung von Menschen mit Autismus kann sehr unterschiedlich ausgeprägt sein. So gibt es Menschen mit autistischer Wahrnehmung, die über durchschnittliche oder überdurchschnittliche Intelligenz verfügen. Einige haben besondere Fähigkeiten im rechnerischen, technischen oder musischen Bereich. Aber es gibt auch Menschen mit Autismus, die kognitive Probleme haben und unterdurchschnittlich intelligent sind. Eine Besonderheit bei Menschen mit Autismus ist, dass viele bei gleichzeitig offenbar niedriger Intelligenz über außergewöhnliche Teilleistungen verfügen. So kann es sein, dass sie sich einerseits mühelos unendlich lange Zahlenreihen einprägen, aber nicht über die Fähigkeit des Lesens verfügen. Es stellt sich daher weniger die Frage, ob sie intelligent sind, sondern eher welcher Art ihre Intelligenz ist. Vielleicht sollte man von einer autistischen Intelligenz sprechen? Ich weiß es nicht, rate aber davon ab, Menschen mit Autismus als geistig behindert zu bezeichnen.

Auch der Begriff der geistigen Behinderung hat eine negative Konnotation und wurde daher weitgehend durch den Ausdruck Menschen mit Lernschwierigkeiten ersetzt. Damit soll ausgedrückt werden, dass sie eben in einigen Bereichen schwerer oder langsamer lernen, ihr Geist aber keine Probleme hat.

Keinesfalls sollten Menschen mit autistischer Wahrnehmung als krank bezeichnet werden, denn das sind sie definitiv nicht. So ist das Gegenteil von autistisch nicht „gesund“, sondern eben einfach nicht-autistisch.

Ähnlich verhält es sich mit dem Begriff normal. Normalität lässt sich nicht einfach damit umschreiben, dass die Mehrheit der Menschen so ist. Die Grenzen zwischen normal und anormal sind verschwommen und je nach Zeit und Gesellschaft verschieden. Seit einiger Zeit setzt sich der Begriff neurotypisch immer mehr durch. Er wird für Menschen verwendet, deren Entwicklung sich im vordefinierten Normbereich stattfindet.

Eine weitere Klassifikation, die zu Verwirrung führt, ist die Unterteilung in Frühkindlicher Autist, Asperger oder Atypischer Autist. Diese Unterteilung entspricht den Diagnosekriterien des ICD-10¹. Das ICD-10 unterscheidet zwischen verschiedenen Kategorien des Autismus, denen man diagnostisch zugeteilt wird.

Dem gegenüber steht das DSM-5², das weitgehend auf diese Unterscheidungen verzichtet und von einer Autismus-Spektrum-Störung spricht. Dabei wird das Ausmaß einer Diagnose bestimmt, das heißt ob man eine schwache, mittlere oder eine schwere Ausprägung der Symptome hat.

Diese Form der Unterscheidung nach Grad der Ausprägung hat sich in der Gesellschaft noch nicht durchgesetzt und es werden daher nach wie vor die Begriffe Asperger, Frühkindlicher Autist oder Atypischer Autist verwendet. Dabei wird weitläufig angenommen, dass es sich bei Menschen mit Asperger-Syndrom um hochintelligente Nerds handelt, was nicht negativ empfunden wird. Dies mag auch einer der Gründe sein, warum sich diese Bezeichnung so hartnäckig in unserem Sprachgebrauch hält.  Bei Menschen mit frühkindlichem Autismus wird hingegen angenommen, dass es sich um Menschen mit niedriger Intelligenz und hohem Unterstützungsbedarf handelt. Atypische Autisten sind in den Köpfen der Gesellschaft solche, die ein bisschen autistisch sind. Dies ist so nicht korrekt. Auch Menschen mit frühkindlichem Autismus können über hohe Intelligenz verfügen und Menschen mit dem sog. Asperger-Syndrom können hohen Unterstützungsbedarf haben. Der Unterschied bei der Diagnosestellung liegt hauptsächlich darin, zu welchem Zeitpunkt sich die ersten Auffälligkeiten in der Entwicklung gezeigt haben. Zeigten sich bereits vor dem 3. Lebensjahr die ersten Symptome, spricht das ICD-10 von frühkindlichem Autismus. Die Intelligenz ist jedoch vom Autismus nicht betroffen.

Ich möchte auch anmerken, dass Hans Asperger, nach dem die Diagnose benannt wurde, als Kinderarzt im Dritten Reich tätig und für die Ermordung seiner kleinen Patienten mitverantwortlich war³. Daher finde ich persönlich nicht, dass ihm die Ehre der Namensgebung einer Diagnose zu teil werden sollte.

Es gibt also offensichtlich keine Einigkeit bei der Verwendung der Begriffe. Was die einen als gute Lösung empfinden, stößt bei den anderen auf Unmut.

Jeder soll sich den Begriff wählen dürfen, der ihn am ehesten anspricht. Und jeder sollte die Begriffe akzeptieren, die andere für sich wählen. Solange jeder den anderen mit Respekt und Akzeptanz begegnet, sind Begrifflichkeiten nur zweitrangig.

¹ Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme der Weltgesundheitsorganisation (WHO)

² Klassifikationssystem in der Psychiatrie, herausgegeben von der American Psychiatric Association (APA) in den USA: Diagnostischer und statistischer Leitfaden psychischer Störungen

³ Sheffer, E. (2018). Aspergers Kinder. Die Geburt des Autismus im „Dritten Reich“. Frankfurt am Main: Campus Verlag

Kommentar verfassen